„Wien, Wien, nur du allein …“

9. July 2020 in tipico Bundesliga

… sollst stets des Tellers Heimat sein“, hätte der Wienerlied-Klassiker in den 1980er-Jahren textlich adaptiert werden können. Nach acht von zehn Saisonen hieß der Meister entweder Austria (viermal) oder Rapid (viermal). Das Bundesliga-Journal dribbelt sich durch gipsbeinige Fan-Dompteure, eingetretene Schiri-Kabinentüren und Hitchcock ausstechende Titelkrimis.

Text: Michael Fally

Hans Krankl war schon alles wurscht. Political correctness war in den 1980ern noch nicht angesagt, Diplomatie war ohnehin nicht die Paradedisziplin des Goleadors. Also jaulte er siegestrunken-euphorisch ins übersteuernde Mikrofon: „Alle wollten uns den Meistertitel stehlen, die Funktionäre, die Schiedsrichter – aber jetzt ist er in Hütteldorf. Alle, jetzt ist er in Hütteldorf.“ Sprach’s, ließ den verdutzten Reporter stehen wie sonst nur gegnerische Verteidiger im 16er und stürmte mit Richtung Himmel gereckten Armen aufs Spielfeld. Seine grün-weißen Kumpels hatten auf dem Rasen soeben Wacker Tirol mit 5:0 aus dem tobenden Hanappi-Stadion geschossen – legendärem Panenka-Schupferl vom 5er-Eck inklusive – und Rapid den ersten Meistertitel seit 14 Jahren beschert. Drei Punkte vor der Wiener Austria, die auf Platz zwei landete. Krankl hatte das Super-Finish wegen einer Sperre nur vom Rand aus verfolgen können. Nach dem Schlusspfiff brachen alle Dämme.

SCHNECK IST WEG

Damit war das Wiener Dauer-Derby um die nationale Fußball-Vorherrschaft eröffnet. Die ersten beiden Titel der 1980er-Jahre hatte sich nämlich die Austria gesichert. Und das, obwohl Zauberdribbler Herbert Prohaska seine Veilchen im Sommer 1980 Richtung Rom verlassen hatte. Zu einem Titel sollte es 1981 eben auch noch ohne Schneckerl reichen.

Das Meisterschaftsfinale 1980/81 im Video:

Karl Daxbacher, mit der Austria in den 80ern viermal Meister, glaubt im Gespräch mit dem Bundesliga-Journal dennoch: „Der Abgang vom Herbert hat schon etwas bewirkt, in negativer Hinsicht. Wir haben doch ein wenig gebraucht, um Prohaskas Fehlen zu verdauen. Hinzu kam, dass Rapid eine wirklich gute Mannschaft hatte. Brucic, Kranjcar, Panenka und natürlich Krankl – das waren sehr unangenehme Gegenspieler.“

KRANKL, DER FAN-DOMPTEUR

G’maht war die Wies’n für Rapid aber trotzdem keineswegs. Auch in der „Schneck-freien Zone“ hatten die Hütteldorfer zu hobeln. Die Meistertitel 1982 und 1983 wurden jeweils erst in der letzten Runde im Westen Wiens festgezurrt, beide Male hieß der Vizemeister Austria. 1983 ging’s überhaupt spannend zur Sache. „Wir wussten, dass wir das letzte Spiel am besten hoch gewinnen sollten, damit uns die Austria nicht mehr gefährlich werden kann“, erinnert sich Rapid-Evergreen Heribert Weber. Gesagt, getan. Weil der Libero-Ästhet seine Mannschaft im Eisenstädter Lindenstadion zu einem 4:0 führte und gar selbst als Torschütze glänzte, konnte der zeitgleiche Heimsieg der Austria dem Erzrivalen nichts mehr anhaben. Und wieder wusste Hans Krankl in einer Schlüsselrolle zu brillieren. Wieder nicht auf, sondern neben dem Rasen. Legendär die Bilder, wie „Hansi-Burli“ mit Gipsbein und Krücke zu den partywilligen Rapid-Fans humpelte, um sie vom voreiligen Platzsturm abzuhalten. Den Zaun des Lindenstadions hatten sie in ihrer prä-meisterfeierlichen Ekstase längst umgetreten. „Bleibt ruhig!“, brüllte Krankl die Fans an, „wollt ihr, dass wir euretwegen noch den Meistertitel verlieren?“ Die Fans gehorchten, warteten bis Schlusspfiff und ließen erst dann ihrer Freude freien Lauf.

ACHSE KRANKL UND WEBER

Krankl, der Gips-beinige Fan-Dompteur – und in den 80ern der Energie erzeugende Reibepol zu Heri Weber. Die beiden Rapid-internen Achsen um Weber und Krankl sind berüchtigt. „Wir brauchen nicht lange diskutieren. Jeder wusste damals, wie wertvoll der Hans für uns war. Er war einer der wenigen Stürmer, die aus nichts Tore machen konnten“, sagt Weber heute: „Und ja, es gab kleinere Streitereien zwischen mir und ihm. Ja, im Training haben sich bei Spielen Gruppen um ihn bzw. mich gebildet. So wurde aber lediglich der Ehrgeiz geschürt. Und es hat uns noch erfolgreicher gemacht.“

VIOLETTE LUXUSPROBLEME

Offensiv-Wunderwuzzis tummelten sich in den 1980ern auch bei Violett. Spätestens mit der Rückkehr von Prohaska aus Italien 1983 ließ die bloße verbale Aneinanderreihung der violetten Primgeiger den Kick-Feinschmeckern das Wasser im Mund zusammenlaufen. Beleg gefällig? Bitte sehr: Prohaska, Nyilasi, Polster, Steinkogler, Ogris. Luxusprobleme bei den Veilchen: Andy Ogris suchte zwischenzeitlich mangels Stammplatzgarantie sein Heil bei der Admira; Toni Polster, der Inbegriff des Mittelstürmers, durfte temporär auf Links-Außen ausweichen, weil in der Mitte mit Nyilasi ein Weltklasse- Mann wartete, der genauso gut im Mittelfeld die Strippen hätte ziehen können, wo wiederum schon ein gewisser Prohaska fiedelte. Der Erfolg stellte sich bald wieder ein. Wie in der Saison zuvor beendeten die Austria und Rapid die Saison 1984 punktegleich. Nur die Positionen waren vertauscht: Meister Austria, Vizemeister Rapid.

Das Meisterschaftsfinale 1983/84 im Video:

„Es waren wirklich unglaubliche Duelle, die wir uns in dieser Zeit geliefert haben. Vor allem die Derbys waren für uns die mit Abstand wichtigsten Spiele des Jahres, wenngleich Rapidler mit Austrianern abseits des Platzes sehr respektvoll miteinander umgegangen sind“, so Karl Daxbacher. Ob er mit Prohaskas Rückkehr und dem gleichzeitigen Transfer von Nyilasi defensiv noch mehr Hack’n zu verrichten hatte? „Nicht unbedingt. Denn erstens war das die Zeit, in der ich schon eine Position weiter nach hinten gerückt bin, sodass Ernst Baumeister unmittelbar hinter Prohaska spielte. Und zweitens kam in der Zeit davor, Ende der 70er – mit Pirkner, Morales und Parits im Sturm sowie Prohaska und Gasselich dahinter – von der Offensive auch schon nicht sehr viel Unterstützung für die Defensive“, schmunzelt Daxbacher.

DRAMA 1987

1985 und 1986 das gleiche Bild: Die Austria holt sich vor Rapid den Meistertitel, in beiden Fällen aber deutlich souveräner als noch 1984. Besonders dramatisch ging’s dafür beim Saisonfinish 1987 zur Sache. Obwohl lange recht unangefochten an der Spitze, geriet die Austria noch ins Straucheln. In der 34. und letzten Runde hatten die Veilchen trotzdem noch alles selbst in der Hand. Ein Sieg in der „Gruabn“ bei Sturm und der nächste Titel ist in trockenen Tüchern. Und die – inzwischen wieder von Tommy Parits gecoachten – Austrianer scheinen zunächst auch alles unter Kontrolle zu haben, führen lange mit 2:1, müssen in der 75. Minute allerdings den Ausgleich hinnehmen. Weil Rapid derweil gegen den Wiener Sportclub durch Tore von Hrstic und Kienast mit 2:1 führt, braucht die Austria dringend ein Tor. Und besorgt dieses auch. Nyilasi köpfelt in der 85. Minute das Titelbringende 3:2 für Violett – dachten alle. Denn in die schier grenzenlose Euphorie im Austria-Lager platzt die Ernüchterung. Abseits! Das Tor zählt nicht.

Das Meisterschaftsfinale 1986/87 im Video:

EINGETRETENE TÜR

„Das tut mir heute noch weh“, sagt Toni Polster, damals violetter Striker. „Wir waren der eigentliche Meister und hätten den Titel auch verdient gehabt. Aber diese Fehlentscheidung hat uns den Titel gekostet“, so Polster heute relativ ruhig. Unmittelbar nach Schlusspfiff konnte von Ruhe bei Toni keine Rede sein. „Ja, ich habe im Frust die Türe zur Schiedsrichter-Kabine eingetreten, dazu stehe ich. Ich habe sie aber bezahlt und niemanden verletzt.“ Der Meistertitel ging also an Grün-Weiß, ebenso wie im Jahr darauf, in der Saison 1987/88. Der Vizemeister hieß damals übrigens – erraten – Austria Wien. Übrigens: Auch im letzten Jahr des 80er-Jahrzehnts beendeten die Austria und Rapid die Saison als Tabellennachbarn, allerdings deutlich weiter hinten: Austria auf Platz drei, Rapid auf Platz vier. Swarovski hatte sich „erdreistet“, das grün-violette Dauerduell um den Titel zu crashen. Um’s Wienerisch auszudrücken: Soch’n gibt’s …

Dieser Artikel ist in der 80er-Jahre-Spezialausgabe des Bundesliga-Journals erschienen – erhältlich ab sofort im Zeitschriftenhandel und im Abo unter bundesliga.at/journal-abo

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