#BundesligaTeamwork: Der Direktor im Südstadt-Regen

16. März 2020 in tipico Bundesliga

Sportliche Nachrichten stehen aktuell leider nicht an der Tagesordnung. Um euch weiterhin mit Lesestoff zu versorgen, teilen wir in den kommenden Tagen und Wochen einige Artikel aus dem aktuellen Bundesliga-Journal mit euch. So wie diesen, der von der fußballerischen Leidenschaft des Burgtheater-Direktor Martin Kusej handelt.

DER DIREKTOR IM SÜDSTADT-REGEN

Erdige Jedermann-Attitüden spielen den Doppelpass mit rhetorischer Verve, wenn Martin Kušej über Fußball parliert. Als bekennender WAC-Sympathisant sind dem Burgtheater-Direktor elitäre Kick-Antipathien ebenso fremd wie launische Glory-Hunter-Denkweisen.
 
TEXT: MICHAEL FALLY
 
Der Winter hat Fahrt aufgenommen. Über der Südstadt entlädt Petrus seine Launen. Dauerregen. Das auf dem Rasen Gebotene lässt im gemeinen Kick-Sympathisant auch nicht eben die Sonne aufgehen. Im Auswärtssektor verfolgen vielleicht 20 Fans, wie ihr WAC gegen die Admira auf ein trostloses 0:0 zusteuert. Unter ihnen: Martin Kušej, seit September 2019 Direktor des Wiener Burgtheaters, und sein Sohn.
 

KEIN GLORY-HUNTER

Vergnüglich erzählt Kušej dem Bundesliga-Journal diese Anekdote. Nicht ohne Hintergedanken. „Ich lege Wert darauf, dass ich ein richtiger Fan bin“, schmunzelt er, „und man mir nicht unterstellen kann, ich sei ein Glory-Hunter“. Um sich in seiner nunmehrigen Arbeitsheimat Wien nicht im Rapid-oder-Austria-Positionierungszwang aufzureiben, zieht Kušej den WAC-Joker. „Um mich da ja nicht zu verlaufen, sage ich voller Überzeugung, dass ich WAC-Fan bin. Ich hoffe, die Mannschaft spielt zumindest noch in den nächsten fünf Jahren eine wichtige Rolle in Wien, und ich kann die WAC-Spiele in Wien besuchen.“
 

FAN-TRUPPE

Sein Geburtsort Wolfsberg wird dabei in der Entwicklung der Love-Story überbewertet. „Ich war nur einen einzigen Tag im Krankenhaus in Wolfsberg“, stellt er prophylaktisch klar. Vielmehr entflammte Kušejs Romanze zum WAC rund um die Europacup-Spiele gegen Dortmund im Jahr 2015. „Wie sich der WAC damals sukzessive aus den unteren Tabellenregionen nach oben gearbeitet hat, hat mich total fasziniert. Damals habe ich begonnen, Heimspiele zu besuchen, sobald ich auf Urlaub in Kärnten war. Und spielt der WAC in Wien, bilde ich gemeinsam mit meinem Sohn eine Fan-Truppe und wir besuchen die Spiele.“
Der Regisseur, der im Mittelfeld die Strippen zieht; das Stadion als „Theater der Träume“; der Schwalbenkönig als Schauspieler – die Liste der Analogien zwischen Kunst und Fußball ließe sich noch lange fortsetzen. Für Kušej durchaus zulässig. „Beide Bereiche, Sport und auch Kunst, spielen sich zuweilen im Entertainment- Bereich ab. Dabei bin ich der Meinung, dass der Unterhaltungsfaktor in beiden Bereichen erst an zweiter Stelle kommt. Sport per se ist zuallererst nicht dafür gemacht, um Menschen zu unterhalten. Das Spielerische steht, ebenso wie beim Theater – Stichwort: homo ludens –, im Vordergrund. Erst dann kommt dazu, die Zuseher zu unterhalten.“
 

ANDERES ADRENALIN

Als Kunst will Kušej Fußball nicht verstanden wissen. „Wenn man die etwas philosophisch- spirituelle Frage stellte, wann sich im Körper etwas Abgehobenes oder in der Psyche etwas Immaterielles in einer anderen Welt abspielt, dann sind das beim Fußballspielen sicher andere Bereiche als beim Schreiben eines Gedichts oder beim Malen eines Bildes.“ Auch die Art der Adrenalinausschüttung ist beim Fußball anders als etwa in der Schauspielerei. Das Glücksgefühl, in der 92. Minute das Siegtor erzielt zu haben, kennt ein Schauspieler nicht.
„Der Schauspieler erlebt etwas Anderes. Während der Fußballer in seinem täglichen Training weite und mühsame Strecken ohne jegliche Emotionalität zurücklegen muss, um dann zu explodieren, braucht der Schauspieler schon beim Proben ein gewisses Adrenalinniveau, um sich in gewisse Situationen und Charaktere überhaupt hineinversetzen zu können. In Summe hält es sich aber wohl die Waage.“
 

KEINE BERÜHRUNGSÄNGSTE

Berührungsängste mit dem Fußball kennt Kušej nicht. Es ist ihm sogar ein Anliegen, das Burgtheater auch verstärkt für Kick-Affine zu öffnen. „Ich halte nicht viel von elitären Grenzziehungen. Ich möchte aufgrund meiner Persönlichkeit und meines Wirkens als der wahrgenommen werden, der sehr wohl zum Fußballspiel oder zum Handballspiel (Kušej studierte Sport und spielte professionell Handball, Anm.) geht, eine halbwegs gute Tennispartie bestreiten kann oder auch einen Schwung mit den Skiern in den Tiefschnee setzen kann.“
Dass Herbert Struber den WAC verlassen hat, findet Kušej übrigens schade. „Natürlich verstehe ich, dass er ein verlockendes Angebot angenommen hat. Bedenklicher finde ich für den Verein, dass er in jüngerer Vergangenheit vier Trainer verbraucht hat. Und trotzdem schafft’s der WAC immer wieder, erfolgreich zu sein.“
 
#BundesligaTeamwork ist eine Online-Initiative der Österreichischen Fußball-Bundesliga. Als Fußball haben wir eine gesellschaftliche Verantwortung, die über den Sport hinausgeht. In Zeiten, in denen viele Menschen auf ihre Mitmenschen Rücksicht nehmen und zur Eindämmung des Coronavirus zuhause bleiben, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten vermeiden, stellen wir insbesondere auf unseren digitalen Kanälen verstärkt Inhalte zur Verfügung. Die komplette Übersicht finden Sie auf www.bundesliga.at/teamwork
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