#BundesligaTeamwork: Die Europacup-Erfolge der 70er-Jahre

3. May 2020 in tipico Bundesliga

Wenn in Zeiten wie diesen leider gerade keine neuen Erfolgsgeschichten geschrieben werden können, bietet sich ein Blick ins Archiv auf Ereignisse vergangener Tage an. Wir werfen einen Blick auf die österreichischen Europacup-Erfolge in den 1970er-Jahren.

Als Rot-Weiß-Rot durch Europa marschierte

Der Fußball in den Siebzigerjahren auf europäischer Ebene war geprägt von großen Clubs wie Ajax Amsterdam, Bayern München, dem FC Liverpool oder Nottingham Forest. Aber auch für die österreichischen Mannschaften war es international ein „Goldenes Jahrzehnt" mit vielen denkwürdigen Auftritten. Der größte Triumph gelang der Wiener Austria mit dem Einzug ins Europacupfinale der Pokalsieger 1977/78.

TEXT: FRANZ HOLLAUF

„Es läuft mir immer noch die Gänsehaut über den Rücken, wenn ich an die historische Saison 1977/78 denke“, erinnert sich Hubert Baumgartner gerne an die violetten Sternstunden zurück. Die Wiener Austria rund um Mittelfeld-Regisseur Herbert Prohaska und Trainer Hermann Stessl verzückte die Fans und zog als erster österreichischer Klub überhaupt in ein Europacup-Finale ein. „Keiner hatte uns auf der Rechnung“, sagt Baumgartner, der als Torhüter wesentlichen Anteil am Erfolg der „Veilchen“ hatte. Das Team wurde allerhöchsten internationalen Ansprüchen gerecht.

BAUMGARTNER ZOG DEN GEGNERN DEN NERV

Nach einem mühevollen Auftakt gegen Cardiff City stand „Hubsi“ erstmals in der zweiten Runde gegen Lok Kosice im Mittelpunkt. Nach einem torlosen Remis daheim reichte im Rückspiel in der Slowakei ein 1:1 zum Aufstieg, der allerdings hart erkämpft war. Baumgartner, gerade erst von einer Meniskus-Operation genesen, avancierte gemeinsam mit dem Torschützen Julio Morales zum Matchwinner, indem er mehrere hundertprozentige Torchancen des Gegners verhinderte. „Es war für mich ein 90-minütiges Tormann-Training, ein

Angriff nach dem anderen kam auf mich zu“, erzählt Baumgartner. Endgültig zum Europacup-Helden avancierte der gebürtige Kärntner dann im Viertel- und Semifinale gegen Hajduk Split bzw. Dynamo Moskau, wo die Austria erst durch ein Elfmeterschießen weiterkam. Im Rückspiel in Split (Hinspiel in Wien 1:1) wehrte Baumgartner im Spiel selbst einen sowie im anschließenden Elfmeterschießen gleich zwei Strafstöße ab, einer ging an die Stange.

ELFMETER-THRILLER GEGEN MOSKAU IM PRATERSTADION

Das Semifinale gegen Moskau wurde schließlich zum Thriller in mehreren Akten. Das Hinspiel in der damaligen Sowjetunion ging mit 1:2 verloren. Durch Tore von Hans Pirkner und Julio Morales im Rückspiel im Praterstadion vor 72.000 enthusiastischen Fans schien das Finale für die Austria schon zum Greifen nahe, ehe sich die Russen durch einen Treffer kurz vor Schluss doch noch in die Verlängerung retten konnten. Viele Zuschauer hatten zu diesem Zeitpunkt das Stadion schon verlassen und kehrten zu Beginn der Verlängerung wieder zurück. Unter einigen Austria-Spielern machte sich großer Frust breit: „Jetzt pack ma’s nimma“, ist auf dem Rasen zu hören. Doch die Wiener hatten da ja noch ihren Torhüter, der nach einer torlosen Verlängerung im anschließenden Elfmeterschießen wieder seinen großen Auftritt hatte. „Er sagte vorher, dass wir nur unsere Elfmeter verwerten müssten, weil wir dann sicher gewinnen, da er sicher einen parieren würde. Er hatte einfach dieses große Selbstvertrauen“, erinnert sich Herbert Prohaska. Gesagt, getan: Baumgartner, der in seiner Karriere 40 Prozent aller Strafstöße hielt, parierte den fünften Versuch der Moskauer von Bubnov. Anschließend verwertete Alberto Martinez zum 5:4 für die Wiener im Elfmeterschießen. Der Außenseiter stand damit also sensationell im Finale.

EUROPACUP-FINALE WURDE ZUM ALBTRAUM

Dort wartete am 3. Mai 1978 im Pariser Prinzenparkstadion der belgische Vertreter RSC Anderlecht mit dem „großen“ Arie Haan, dem späteren Austria-Trainer. Für die überforderten und chancenlosen Wiener, unterstützt von 12.000 mitgereisten Schlachtenbummlern, setzte es eine herbe 0:4-Niederlage. „Paris war für jeden ein riesiges Erlebnis, wurde aber zum Albtraum, weil wir zu übermütig agierten,“ so Baumgartner. „Wir wollten ein Tor schießen, wurden aber klassisch ausgekontert und haben Rob Rensenbrink nicht in den Griff bekommen“, gesteht der damals 22-jährige Felix Gasselich, der 1983 zu Ajax Amsterdam wechselte. Dennoch hinterließ die Austria damals sportlich tiefe Spuren: „Von der Qualität her hat es vielleicht bessere Austria-Kader gegeben, aber in puncto Siegeswille war der 78er sicher der stärkste“, so Baumgartner.

SCHACHNER ERLEDIGTE DRESDEN FAST IM ALLEINGANG

Schon in der darauffolgenden Saison 1978/79 sorgten die Wiener international wieder für Furore. Im Europapokal der Landesmeister rückten die Violetten nach Siegen über Vlaznia Shkodra und SK Lilleström ins Viertelfinale vor. Dort wartete Dynamo Dresden aus der damaligen DDR. Das Hinspiel im Praterstadion am 7. März 1979 wurde zur großen Show einer Austria-Neuerwerbung aus Donawitz - Walter Schachner. Der damals 22-jährige Steirer steuerte beim 3:1-Sieg zwei Treffer bei. Im Rückspiel genügte der Austria eine 0:1-Niederlage zum Aufstieg ins Semifinale. Dort war dann gegen den schwedischen Klub Malmö FF (0:1 auswärts, 0:0 daheim) allerdings Endstation. „Dieses Aus hat mir ehrlich gesagt mehr wehgetan als die Niederlage im Finale ein Jahr zuvor in Paris“, betont Baumgartner, der dank seiner starken Auftritte im Sommer 1979 ins Ausland zu Huelva nach Spanien wechselte.

Der Erfolgslauf der österreichischen Klubs in den Siebzigerjahren auf internationalem Terrain begann bereits im Herbst 1970, als Wacker Innsbruck in der ersten Runde des Europacups der Cupsieger Partisan Tirana mit einem 3:2 daheim und einem 2:1 in Albanien besiegte. Die zweite Runde bescherte den Tirolern den oftmaligen Europacupsieger Real Madrid. Das „weiße Ballett“ wurde in Madrid sensationell durch ein Tor von Leopold Grausam mit 1:0 besiegt, das Rückspiel ging jedoch in Innsbruck vor brechend vollem Haus mit 0:2 verloren. Der Europacuptraum war somit geplatzt.

INNSBRUCKER FESTSPIELE IN SALZBURG

Am 2. November 1977 gelang den Innsbruckern im Meistercup, nachdem man zuerst den FC Basel besiegt hatte, im Viertelfinale gegen Celtic Glasgow im vielleicht legendärsten Europacupspiel der Vereinsgeschichte ein glatter 3:0-Heimerfolg. Das Rückspiel stand eigentlich unter keinem guten Stern, denn es musste aufgrund einer zweijährigen Sperre des Tivoli-Stadions im 200 Kilometerentfernten Stadion Lehen in Salzburg ausgetragen werden und es galt, einen 2:1-Rückstand aus dem Hinspiel in Schottland aufzuholen. Dennoch schafften die entfesselten Tiroler - angepeitscht von 18.000 Zuschauern - die Sensation.

„DER ANFANG EINER EINZIGARTIGEN LIEBE"

„Für mich wird dieses Spiel immer in tiefster Erinnerung bleiben. Die Fahrt nach Salzburg, diese einzigartige Stimmung im Lehener Stadion, als sich neben den Zigtausenden Innsbruck-Fans auch noch viele Salzburger als Wacker-Sympathisanten outeten und unser Team lautstark unterstützten“, beschreibt Redakteur Rudolf Tilg auf der Fanseite „tivoli12“ seine Eindrücke.

Durch Tore von Kurt Welzl, Josef Stering und Franz Oberacher machten die Innsbrucker schon in der ersten Hälfte alles klar. „Die zweite Hälfte wurde zum Schaulaufen unserer Elf und war für viele Fans der Anfang einer einzigartigen Liebe zu Wacker Innsbruck, für andere die Bestätigung, warum sie seit Jahren Wacker-Fans waren“, schreibt Tilg stolz. Und ergänzt augenzwinkernd: „Weniger erfreut waren die Schotten und die Glasgower Presse, die schrieb, dass Celtic von einem Provinzklub geschlagen wurde, von dem man bisher gar nicht wusste, dass er existiert.“

DENKWÜRDIGE DUELLE GEGEN MÖNCHENGLADBACH

Im Semifinale bescherte das Los den Innsbruckern den deutschen Vorzeigeklub Borussia Mönchengladbach mit Stars wie Berti Vogts, Rainer Bonhof, Jupp Heynckes oder Ewald Lienen. Die Tiroler spielten den prominenten Gegner phasenweise an die Wand und führten durch Tore von Peter Koncilia, Werner Kriess und Werner Schwarz nach 26 Minuten bereits mit 3:0 (Endstand 3:1). Doch der Vorsprung reichte fürs Weiterkommen knapp nicht. Im Rückspiel musste man sich mit 0:2 geschlagen geben. die Auswärtstorregel entschied zugunsten der Deutschen. Die sportlichen Erfolge der Tiroler in den Siebzigerjahren auf europäischer Ebene wurden noch durch zwei Mitropacup-Siege (Vorläufer des Europacups) komplettiert.

ALS VÖEST LINZ DIE STARS VON BARCELONA ÄRGERTE

Auch VÖEST Linz erlebte in den Siebzigerjahren eine internationale Sternstunde. Als nationaler Sensationsmeister 1974/75 durften die Oberösterreicher im Europacup der Landesmeister teilnehmen. Und gleich in der 1. Runde wartete das spanische Starensemble des FC Barcelona mit Johan Cruyff, Johan Neeskens, Juan Esensi sowie ihrem „General“ auf der Bank, dem Holländer Rinus Michels. Immerhin konnten die Stahlstädter im Hinspiel in Linz vor 26.000 Besuchern dem übermächtigen Gegner ein torloses Remis abtrotzen. Im Rückspiel im Nou Camp setzte es allerdings eine 0:5-Klatsche.

AUCH AUSTRIA SALZBURG LIEß AUFHORCHEN

Austria Salzburg gelang 1976/77 in der 2. Runde des UEFA-Cups im Heimspiel gegen das jugoslawische Spitzenteam Roter Stern Belgrad vor einer Rekordkulisse von 18.000 Zusehern durch Tore von Peter und Wolfgang Schwarz aus einem Elfer eine mittlere Sensation. Das Brüderpaar verwandelt einen 0:1-Rückstand binnen 100 Sekunden in einen 2:1 Heimsieg. Von 23 Schlachtenbummlern unterstützt, lieferte die Austria im Rückspiel in Belgrad eine großartige Leistung, scheiterte letztlich aber denkbar knapp durch einen Treffer in der 81. Minute zum 1:0 für Roter Stern.

Immer wieder waren es Spieler aus Wien, die später als Legionäre ins Ausland gingen, oder auch Trainer mit Wiener Wurzeln, die im Europacup Erfolge verzeichneten: Franz Hasil gewann 1970 als erster österreichischer Spieler den Europacup der Meister und den Weltcup. Sein Trainer war Ernst Happel, der mit dem Hamburger SV 1983 diesen Bewerb ein zweites Mal für sich entscheiden konnte. Hans Krankl blieb 1979 mit dem FC Barcelona im Cup der Cupsieger siegreich und erzielte im Finale gegen Fortuna Düsseldorf den Treffer zum 4:2 (Endergebnis 4:3). Es war dies der erste Treffer eines Österreichers in einem Endspiel des Europacups.

 

Dieser Artikel wurde in der Spezial-Ausgabe des Bundesliga-Journals "Die 70er-Jahre" veröffentlicht. Hier finden Sie die komplette Ausgabe als PDF.
 
#BundesligaTeamwork ist eine Online-Initiative der Österreichischen Fußball-Bundesliga. Als Fußball haben wir eine gesellschaftliche Verantwortung, die über den Sport hinausgeht. In Zeiten, in denen viele Menschen auf ihre Mitmenschen Rücksicht nehmen und zur Eindämmung des Coronavirus zuhause bleiben, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten vermeiden, stellen wir insbesondere auf unseren digitalen Kanälen verstärkt Inhalte zur Verfügung. Die komplette Übersicht finden Sie auf www.bundesliga.at/teamwork
Artikel teilen: