90er-Journal: „WIR HABEN DIE RIVALITÄT VERKÖRPERT"

3. March 2021 in tipico Bundesliga

ln den 1990er-Jahren repräsentierten Andy Ogris und Didi Kühbauer Austria und Rapid wie keine anderen. Und damit auch die Rivalität der beiden Wiener Klubs. Im Interview sprechen sie über enge Meisterschaften, Kaffeehausbesuche und ihr berühmtes Nasenreiberl.

INTERVIEW: MORITZ ABLINGER & JAKOB ROSENBERG, FOTOS: BILDAGENTUR ZOLLES (TITELFOTO), GEPA PICTURES

Wenige Tage vor dem Interview ist Andy Ogris bei der ORF-Show „Dancing Stars“ ausgeschieden. Didi Kühbauer beginnt das Telefonat daher mit einem Scherz: „Servus, Fred Astaire“, sagt er zur Begrüßung. Dann tauschen sich die beiden zum alles bestimmenden Thema aus - sie seien von Corona- Infektionen im nächsten Umfeld bisher verschont geblieben, erzählen sie einander, ehe das Gespräch aufs eigentliche Thema kommt. Beide waren in den 1990er-Jahren mit ihren Mannschaften erfolgreich, beide erspielten sich WM-Einsätze und beiden öffneten ihre Leistungen in der Bundesliga das Tor nach Spanien. „Dort hast du doppelt so gut sein müssen wie dein spanischer Teamkollege, sonst bist du auf der Bank gesessen“, sagt Ogris, der nach der WM 1990 eine Saison bei Espanyol in Barcelona spielte. Kühbauer wechselte nach den Erfolgen mit Rapid 1997 zu Real Sociedad. Den Großteil der 1990er-Jahre verbrachten beide aber bei ihren Herzensklubs: Austria und Rapid.

Bundesliga-Journal: Herr Ogris, wann haben Sie den Namen Kühbauer zum ersten Mal gehört?

Andy Ogris: Ziemlich zeitig. Der Didi war ja schon im Nachwuchs der Admira sehr auffällig. Damals ist herumerzählt worden, dass da vielleicht das größte Talent des Vereins heranwächst: Ein technisch starker Fußballer mit einem guten Auge, der auch sehr robust im Zweikampf ist. Er hat auch schon mit 16 in der Kampfmannschaft Fuß gefasst. Und dann hat seine Karriere ihren Lauf genommen, in der er all das bestätigt hat.

Herr Kühbauer, Sie haben 1987 bei der Admira debütiert. In der Vorsaison hat Andreas Ogris den Klub verlassen. Welche Nachrede hat er gehabt?

Kühbauer: Ich habe ihn dort als Nachwuchsspieler schon verfolgt. Allein schon wegen der tollen Matt’n.

Ogris: Deine war aber auch nicht schlecht.

Kühbauer: Ja eh, deinetwegen bin ich auf die Idee gekommen. Beim Ogerl hast du immer gewusst, wohin die Reise gehen wird. Das hat er dann bei der Austria gezeigt, dort war er ja nicht mehr wegzudenken. Seine Art hat mir getaugt, weil er immer am Limit war und seine Mannschaft damit mitreißen konnte. Da war immer Energie drin. Du hast gewusst, wenn du den Ogris hast, wird dir nie fad.

Wie sehen Sie den Fußball der 1990er-Jahre im Rückblick? Speziell das Standing der Wiener Klubs?

Ogris: Die Austria hat Anfang der 1990er-Jahre den Raum Wien beherrscht. Du hast damals vielleicht zwei oder drei Saisonen richtig dominieren können, spätestens dann sind die anderen nähergerückt. Mitte der 1990er-Jahre ist Rapid so richtig durchgestartet. Dazwischen waren auch die Salzburger sehr stark. Wir haben alle unsere Phasen gehabt. Es war nicht so wie jetzt, wo Red Bull Salzburg seit Jahren vorne der Alleinunterhalter ist.

Kühbauer: Das hast du gut beschrieben. Früher war die Geschichte enger, aber auch die Ausgangslage hat sich verändert. Red Bull macht das sehr gut, hat aber auch ganz andere finanzielle Voraussetzungen. Wir werden trotzdem alles daran setzen, dass wir wieder einmal Meister werden.

Wie hat sich das Spiel am Platz verändert? Es heißt ja, der Fußball sei heute athletischer.

Ogris: Das stimmt schon, am Ende bleibt trotzdem über: Entweder du kannst kicken oder du kannst nicht kicken. Die Anforderungen an die Spieler sind heute sicher ungleich größer. Du hast kaum noch Zeit, einen Ball herzurichten, du musst ihn schon so annehmen, dass du ihn mit dem zweiten Kontakt wieder spielst. Der Gegner soll gar nicht erst die Chance kriegen, in einen Zweikampf zu kommen. Das hat auch mit dem Gegenpressing zu tun, das fast alle Mannschaften spielen. Die Burschen erarbeiten sich das alles auch sehr hart. Das siehst du beim Training. Da macht jeder noch freiwillige Extraschichten, sei es, dass sie in die Kraftkammer gehen, Tempoläufe machen oder Freistöße schießen.

Kühbauer: Dazu kommt, dass die Trainingssteuerung eine ganz andere ist. Ich will den Trainern von damals nicht die Qualität absprechen, sie haben diese Möglichkeiten einfach nicht gehabt. Heute kannst du alles genau analysieren, du siehst bei jedem Spieler, woran er ist, was ihm fehlt, wie man ihn besser trainieren kann. Wenn einer nicht so performt, sprichst du mit ihm. Wenn dir früher als Junger die Zunge rausgehängt ist, hättest du dich nicht zu sagen getraut: „Trainer, ich bin am Ende.“ Du bist weiter gerannt, aber nur mehr auf der Felge. Das war sportmedizinisch sicher nicht das Schlaueste. Der ganze Umgang hat sich verändert, auch der Jargon. Wenn wir so reden würden wie in den 1990ern, würden sich ein paar Spieler an den Kopf greifen. Ich glaube, dass die guten Spieler von damals heute überhaupt kein Problem hätten. Wahrscheinlich würden sie sich jetzt noch leichter tun, weil sie von der besseren Steuerung profitieren würden.

Ogris: Wenn du dich erinnerst, wie wir uns auf den Gegner vorbereitet haben. Da ist in einem Kammerl eine Videokassette eingeschoben worden und du hast dir ein Match angeschaut. Heute hast du einen Videoanalysten, der dir deinen Gegner in alle Einzelteile zerlegt: Umschaltspiel, Aufbauspiel, Defensivverhalten, Offensivverhalten, Outeinwürfe, Corner - alles.

In den Jahrhundertteams von Rapid und Austria sind sehr viele Spieler aus den 1990er-Jahren dabei. Bei Rapid Herzog, Konsel, Schottel und Kühbauer, bei der Austria Wohlfahrt, Pfeffer und Ogris. Warum gibt es so eine emotionale Verbindung zu der Zeit?

Ogris: Diese Wahl ehrt jeden, der da vorkommt, darüber brauchen wir nicht reden. Man muss aber auch sagen, dass die Leute, die diese Jahrhundertelf gewählt haben, uns halt noch kicken gesehen haben. Ich weiß nicht, ob die Wahl wieder so ausgehen würde, wenn du heute abstimmen lassen würdest.

Kühbauer: Das ist sicher ein Grund, aber es liegt wahrscheinlich auch an der Verbundenheit, die damals größer war. Wenn heute ein Spieler eine gute Saison spielt, wird ihn der Manager sofort dazu drängen zu wechseln. Meine Spieler fühlen sich auch zugehörig zu Rapid, aber die Nähe war früher eine andere. Der Ogerl ist immer ein Violetter gewesen, ich im Herzen immer ein Grüner. Die Leute haben dir abgenommen, dass du am Platz alles dafür tust.

Sie sind Legenden Ihrer Vereine. Waren das die großen Glücksfälle in Ihren Leben, dass Sie zur Austria und zu Rapid gekommen sind?

Kühbauer: Ja, Rapid war mein Klub, seit ich denken kann. Ich wollte unbedingt dort spielen. Dass das dann auch noch als Trainer geklappt hat, ist umso schöner.

Ogris: Bei mir ist es genauso. Als ich zehn war und noch beim FAC gespielt habe, waren Rapid und die Austria interessiert. Ich wäre - damals als Kind - zu beiden gegangen, so ehrlich muss ich sein. Dann hat sich die Austria ein bisschen gescheiter angestellt, damit war das für mich gegessen. Ich habe fast meine ganze Karriere dort verbracht, diese Verbindung kann mir keiner mehr nehmen. Ich habe das schon oft gesagt: „Ich bin violett bis in die Knochen. Das wird so sein, bis ich meine Augen zumache.“

Wenn die Vereinszugehörigkeit in der Regel länger war, war dann auch das Derby intensiver?

Kühbauer: Die Derbys waren schon sehr hart, allein schon der ganze Trashtalk und das Drumherum. Wir haben uns ja alle gekannt, auch vom Team. Das war oft an der Grenze. Wenn heute so gespielt werden würde, wären am Schluss nicht mehr alle Spieler am Platz.

Ogris: Früher hat man es in der ganzen Stadt gespürt, wenn das große Wiener Derby gespielt wird. Sie hat sich geteilt in den Löwenanteil Rapidler und ein bisschen weniger Austrianer. Und dann wolltest du unbedingt gewinnen. Wenn heute ein Derby ansteht, kriegt man das kaum noch mit.

Wie hat sich das ausgewirkt? Hat man nach einer Derbyniederlage ein paar Tage nicht schlafen können?

Kühbauer: Schlafen habe ich immer können, aber an diesen Tagen weniger gut. Wenn wir verloren haben, sind wir gehäkelt worden. Das war nicht schön, das hat einen aufgerieben, aber damit hast du dann leben müssen.

Ogris: Nach einer Derbyniederlage hast du gar nicht mehr ins Kaffeehaus gehen brauchen, aber wenn du gewonnen hast, hast du bis zum nächsten Derby die Goschen aufreißen können. Das habe ich dann auch gemacht.

Es gibt dieses ikonische Bild von Ihrem Nasenreiberl bei einem Derby. Herr Ogris, Sie haben einmal gesagt, die Szene verfolgt Sie seit damals.

Ogris: Eigentlich ist das Bild ganz einfach zu erklären: Da stehen zwei Menschen - der eine grün, der andere violett -, die beide das Match unbedingt gewinnen wollen. Wir haben das damals verkörpert und in dieser Szene transportiert. Und der Fotograf hat auf den Auslöser gedrückt. Sein Bild zeigt die Rivalität zur damaligen Zeit.

Kühbauer: Genau. Kein Fotograf der Welt hätte das inszenieren können. In dem Moment war es für mich, und wahrscheinlich auch für den Ogerl, wichtig, dass wir uns etwas sagen, weil uns gerade irgendetwas nicht gepasst hat. Die Emotion war notwendig.

Hat es mit dem Wandel des Derbys zu tun, dass es seither kein vergleichbares Bild mehr gegeben hat?

Kühbauer: Heute wollen die Spieler das Derby sicher auch gewinnen, aber die Zeit ist eine andere. Früher hast du dir mehr erlauben können. Wenn du jetzt mit einem Gegenspieler so aneinander gerätst, hast du sofort den Jolly. Und wenn du dann noch einmal etwas zum Schiedsrichter sagst, kannst du duschen gehen.

Waren die Schiedsrichter damals lockerer?

Kühbauer: Ein bisschen. Du hast mit ihnen einigermaßen reden können. Aber die heutigen Spieler sind auch darauf trainiert, weniger zu sagen.

Ogris: Wenn du heute zweimal blöd zum Schiedsrichter schaust, siehst du schon den gelben Karton. Früher haben sie dich manchmal auch ein bisschen raunzen lassen. Wenn ein Spieler gesagt hat „Es ist unpackbar, welchen Scheißdreck du zusammenpfeifst“, haben die Schiris manchmal so getan, als hätten sie das nicht gehört.

Liegt das daran, dass der Fußball ein größeres Geschäft ist und medial stärker begleitet wird?

Kühbauer: Heute wird man seziert, du kannst dir keinen Fehltritt erlauben. Du musst ständig funktionieren. Das ist grundsätzlich nicht falsch, trotzdem bleibst du ein Mensch. Dieses Menschsein wird dir manchmal genommen.

Ogris: Früher haben vier Kameras ein Spiel übertragen, heute sind es 16. Wenn du als Spieler Pech hast, verfolgen sie dich noch mit einer Einzelkamera. Das hört mit dem Schlusspfiff auch nicht auf. Du kannst nach dem Match nirgends mehr hingehen, da würde jeder gleich ein Foto oder ein Video mit dem Handy machen. Da sind die Buben echt arm.

Sie sind trotz der Rivalität befreundet. Wie pflegen Sie Ihre Freundschaft?

Kühbauer: Wir sind nicht ständig in Kontakt, aber für mich bedeutet Freundschaft nicht, dass man sich permanent sehen muss, sondern dass man sich freut, wenn man sich sieht. Das trifft bei uns zu.

Ogris: Das beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn wir mit der Copa Pele, unserer Altherrenrunde, spielen und der Didi hat zufällig Zeit, ist es immer lustig. Dann werden die alten Geschichten aufgewärmt.

Zum Abschluss: Herr Ogris, schauen Sie wegen Didi Kühbauer mehr Rapid als normal?

Ogris: Ich schaue generell sehr viel österreichischen Fußball, das hat nichts mit Rapid oder Austria zu tun. Wenn der LASK spielt, schaue ich mir das genauso an. Man muss auf jeden Fall anerkennen, dass die Rapid das im Moment sehr gut macht. Aus dem Nachwuchs kommt viel Qualität nach, und sie geben den Jungen eine Chance. Wenn man den Burschen den Steigbügel hält und sie mitgaloppieren lässt, machen die das schon.

Und Herr Kühbauer, haben Sie wegen Andi Ogris „Dancing Stars" geschaut?

Kühbauer: So leid mir das tut, aber ich habe mir das noch nie angeschaut. Ich habe gehört, dass der Ogerl einen guten Schritt hat. Schade, dass du ausgeschieden bist, aber du wirst es verkraften.

Ogris: Du bist aber selbst schuld, dass du den Samba-Ogerl versäumt hast.

Kühbauer: Ja eh. Ich werde das nachholen, vielleicht kannst du mir den Move dann beibringen. 

Dieser Artikel ist im Dezember 2020 in der 90er-Jahre-Spezialausgabe des Bundesliga-Journals erschienen – erhältlich als ePaper im APA-Kiosk oder im ballesterer-Online-Shop.

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