90er-Journal: Die Abenteuer der Wikinger

22. December 2020 in tipico Bundesliga

Mit dem jüngsten Trainer der Liga und einem begeisterten Publikum im Rücken wurde die SV Ried nach dem Aufstieg 1995 schnell zu einer fixen Größe in der Bundesliga. Drei Jahre später gewannen die Innviertler den Cup und spielten international. Eine Reise von Donaufeld nach Haifa.

TEXT: MATHIAS SLEZAK, FOTOS: GEPA PICTURES

„Wir san die Kaiser - Fuaßboiwunder Ried. Kummt’s aus eire Häuser, heit plärr’ ma olle mit - SV Marc O’Polo Ried, Super­-Kicker hip, hip, hip!“ dröhnte es im Herbst 1995 blechern aus den Lautsprechern des Rieder Stadions. Wie fast jeder Fußballver­ein, der in den 90ern etwas auf sich hielt, hatte auch die SV Ried ein Vereinslied, als die „Wikinger“ sich an­schickten, die Bundesliga zu entern. Der Aufstieg der Innviertler war in der Tat ein kleines Fußballwunder: Nach der Admira aus Maria Enzersdorf, die aber traditionell dem Großraum Wien zuzuordnen ist, und Eisenstadt, das Anfang der 1980er rund 10.000 Einwohner hatte, war Ried im Innkreis mit 11.000 Einwohnern zu diesem Zeitpunkt die drittkleinste Stadt, die jemals in einer Zehnerliga vertreten war.

REIN-TOR-RAUS

Drei Jahre zuvor wäre das Rieder Fuß­ballwunderbeinahe zu Ende gewesen, be­vor es überhaupt richtig begonnen hatte. Die SV Ried steckte im Frühjahr 1992 mit­ten im Abstiegskampf der 2. Division und lief Gefahr, nach dem erstmaligen Aufstieg in die zweite Spielklasse volley wieder abzu­steigen. Die Rieder hatten aber noch die Chance, sich mit einem Sieg bei Donaufeld in der letzten Runde zu retten.

Zur Halbzeit stand es 0:0, dann machte Spielertrainer Klaus Roitinger, der den Verein in die 2. Division geführt hatte, den - wie er heute sagt - „besten Tausch meines Lebens“. Er wechselte sich selbst aus und brachte Christian Mayrleb, der durch einen Bändereinriss beeinträchtigt war. „Vor dem Tor war er nervlich unser Bester, des­halb habe ich ihn trotzdem mitgenom­men“, sagt Roitinger.

In Minute 57 überhob Mayrleb Donau­feld-Tormann Gerald Kummer zum spiel­entscheidenden 1:0, dann meldete sich die Verletzung, und er musste wenig später wieder ausgewechselt werden. 30 Minuten Spielzeit hatten gereicht, um den Klassen­erhalt der Rieder zu fixieren. Nach dem Spiel beendete Klaus Roitinger seine Spie­lerkarriere und fokussierte sich ganz auf seine Aufgabe als Trainer.

INNVIERTLER AUFBAUARBEIT

In den folgenden drei Jahren etablierte sich die SVR in der 2. Division, integrierte junge Innviertler Spieler wie Oliver Glasner und Michael Angerschmid in die Mann­schaft und errichtete eine neue Sitzplatztri­büne um 15 Millionen Schilling (entspricht etwa 1,1 Millionen Euro). Vor allem aber stiegen die Rieder mit zwei Siegen in der Relegation gegen den FC Linz erstmals in die Bundesliga auf. Von den Linzern war ein halbes Jahr zuvor Herwig Drechsel ins Innviertel gewechselt. Im Mai 2012 wird er zum Jahrhundertspieler der SV Ried ge­wählt werden, am 2. August 1995 hatte er aber erst ein gutes Dutzend Spiele für Schwarz-Grün in den Beinen, als er sich mit seinem Kollegen zum Bundesliga-Auftakt dem SK Rapid entgegenstellte. 9.500 Zu­schauer waren ins Rieder Stadion gekom­men, um die erste Bundesliga-Partie der Vereinsgeschichte mitzuerleben.

„Nach dem Aufstieg war eine riesige Eu­phorie in der ganzen Stadt zu spüren. Wir hatten nichts zu verlieren, sind mit 120% in dieses Spiel gegangen und haben Rapid überraschen können“, erinnert sich Drech­sel. Roland Kramer brachte die Rieder in Minute 60 mit 1:0 in Führung. Acht Minu­ten später erhöhte Pavel Mraz auf 2:0, für die Wiener reichte es nur mehr zum An­schlusstreffer durch Peter Stöger. Nach dem Spielende feierten tausende Rieder Fans ihre Mannschaft auf dem Spielfeld.

Die Innviertler schafften mit Platz 7 sou­verän den Klassenerhalt und hatten nicht nur auf dem Platz ihre Stellung in der Liga behauptet: Mit durchschnittlich 6.277 Be­suchern belegten sie Rang 6 in der Zuschau­ertabelle - vor der Wiener Austria und dem zweiten Aufsteiger GAK. Die ersten Aus­wärtsspiele wurden zu Völkerwanderun­gen. Beim Derby gegen den LASK waren 4.000 Rieder in Linz dabei, in Salzburg wa­ren es 3.000. „Wir hatten immer eine unglaubliche Stimmung, und gleichzeitig war die Erwar­tungshaltung so, dass die Leute auch nicht böse waren, wenn wir einmal verloren ha­ben“, sagt Roitinger. „In den ersten zwei Jahren haben uns die Fans durch die Liga getragen.“

Mit der Unterstützung der Fans und Kampfkraft schafften die oft als Fixabstei­ger gehandelten Rieder immer wieder den Klassenerhalt. Nicht alle waren mit der Spielweise des Underdogs glücklich. Der damalige Rapid-Trainer Ernst Dokupil bezeichnete die Rieder nach einer Partie mit insgesamt drei Ausschlüssen als „schmut­zigste Mannschaft der Liga“. „Wir waren sicher nicht übertrieben hart, aber wir ha­ben Fußball mit Herz und Leidenschaft ge­spielt und sind eng am Gegenspieler gestan­den. Eher spielerische Mannschaften ha­ben damit natürlich ihre Schwierigkeiten gehabt“, sagt Drechsel.

JUBEL UND TRAUER

1998 konnten die Innviertler nicht nur über den frühzeitigen Klassenerhalt jubeln, son­dern auch den ersten Titel der Vereinsge­schichte feiern. Nach dem 3:1-Sieg im Cupfinale gegen Sturm im Hanappi-Stadion trafen die Spieler um halb vier Uhr früh beim Volksfest am Rieder Messegelände ein, die Sperrstunde im Bier­zelt wurde auf sechs Uhr verlängert. Drei Tage lang stand Ried Kopf, bis in die Zeit der größten Euphorie die schreckliche Nach­richt platzte, dass Co-Trainer Marinko Ivsic, der noch als Spieler wesentlichen Anteil am Aufstieg in die Bundesliga gehabt hatte, einen schweren Autounfall gehabt hatte. Einen Tag später verstarb er. „Da relativiert sich alles sehr schnell,“ sagt Roitinger.

Nach dem Cupsieg starteten die Rieder im Herbst 1998 - ohne Drechsel, der im Sommer zum GAK gewechselt war - im Cup der Cupsieger und konnten dort mit zwei Siegen über MTK Budapest ins Ach­telfinale einziehen. Dort sah es nach einem 2:1-Heimsieg gegen Maccabi Haifa eben­falls gut aus, in Israel verloren die Rieder eine dramatische Partie aber schließlich mit 1:4.

ENDE EINER ÄRA

Trotz des Aufstiegs ins Cup-Halbfinale und dem erneuten Klassenerhalt endete im Mai 1999 nach einer 1:6-Niederlage gegen den LASK die Ära von Langzeit-Trainer Klaus Roitinger, der damals mit 38 Jahren der jüngste und gleichzeitig auch dienstäl­teste Trainer der Liga war. „Ich war elf Jah­re Trainer und die ersten sechs Jahre neben­bei noch Lehrer, hatte Tag und Nacht nur Fußball im Kopf. Irgendwann hat mir dann einfach die Kraft gefehlt“, sagt Roitinger über seinen Abschied. Die Zuneigung der Fans blieb, 2012 wurde er zum Jahrhun­derttrainer der Innviertler gewählt.

Roitingers Nachfolger Heinz Hoch­hauser konnte auch wieder auf Herwig Drechsel zurückgreifen, der nach einem Jahr aus Graz zurückgekehrt war. In der Saison 1999/2000 übertraf die SV Ried sämtliche bisherigen Bestleistungen, stellte mit 53 Punkten und Platz 5 einen neuen Vereinsrekord auf, erzielte sogar zwei Tore mehr als Meister Tirol und wurde erstmals bester oberösterreichischer Verein. „Auch wenn wir, verglichen mit den anderen Mannschaften, immer noch ein Mini-Bud­get hatten, waren wir voll in der Liga ange­kommen“, sagt Drechsel. Aus dem Fuß­ballwunder Ried war eine fixe Größe in der Bundesliga geworden.

Dieser Artikel ist in der 90er-Jahre-Spezialausgabe des Bundesliga-Journals erschienen – erhältlich ab sofort im Zeitschriftenhandel und im Abo unter bundesliga.at/journal-abo

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