90er-Journal: Pech, Skandal und Nebel - die Admira im Europacup

21. December 2020 in tipico Bundesliga

Anfang der 90er-Jahre schrieb die Admira spannende Europapokal-Geschichten. Star-Klubs wie Juventus wurden dabei mächtig geärgert. Am Ende war oft Pech im Spiel.

TEXT: THOMAS MAURER, FOTOS: GEPA PICTURES

Das Europacup-Jahrzehnt begann für die Südstädter im März 1990 in Anderlecht. Im Viertelfinale des Cupsieger-Be­werbs unterlag die Admira im Constant Vanden StockStadion mit 0:2. Ein 1:1 im Rückspiel reichte nicht für den Aufstieg, nachdem man im Vorjahrbereits AEL Li­massol und Ferencvaros aus dem Bewerb geworfen hatte.

KEIN GLÜCK IN BOLOGNA

Schon im Herbst 1990 ging es interna­tional weiter. Der dänische Vertreter Vejle BK wurde in der 1. Runde des UEFA-Cups mit 4:0 (Gesamtscore) geschlagen. Und auch in Runde zwei konnte man sich gegen den FC Luzern mit einem 1:0 in der Schweiz und einem 1:1 zuhause durchset­zen. Im Achtelfinale empfing die Mann­schaft von Thomas Parits am 28. Novem­ber den FC Bologna. Unter anderem in der Startelf: der spätere Mediendirektor und Marketingleiter des ÖFB, Wolfgang Gramann, Ernst Ogris, Olaf Marschall oder auch Wolfgang Knaller. Der Keeper der Admira erinnert sich: „Wir waren eine gu­te Truppe, über zehn Jahre lang hat der harte Kern zusammengespielt. Wir waren immer der Underdog, haben uns vor den großen Klubs aber nie gefürchtet.“

Mit einem 3:0-Sieg im Rücken ging es zwei Wochen später nach Italien. Und schon nach sechs Minuten lag die Admira zurück. Nach zwei weiteren Gegentoren folgte die Verlängerung. Der damals 19­jährige Dietmar Kühbauer kam kurz davor von der Admira-Bank ins Spiel. Tore aus dem Spiel folgten keine mehr, es kam zum Elfmeterschießen, in dem erst der 16. Penalty entschied. Knaller hatte zu­vor zwei Elfmeter parieren können, doch Marko Elsner, Josef Degeorgi und schließlich Alois Dötzl vergaben. Die Ad­mira war aus dem UEFA-Cup ausgeschie­den. „Wenn du von den ersten fünf Elfme­tern zwei hältst, musst du eigentlich wei­terkommen“, erzählt Knaller. „Ich hätte der große Held sein können, stattdessen sind wir alle mit hängenden Köpfen heim­gefahren.“

ENDSTATION ANTWERPEN

Zwei Jahre später folgte der nächste An­lauf auf internationalem Parkett. Im Cup der Cupsieger warf die Admira zum Auf­takt Cardiff City aus dem Bewerb. Aus­wärts gab es ein 1:1, beim 2:0-Heimsieg trafen Olaf Marschall und Johannes Abfalterer, der auch auswärts gescort hatte. Am 21. Oktober 1992 traf die Admira schließlich im Achtelfinal-Hinspiel zu­hause auf Royal Antwerpen. Wie schon bei den Spielen gegen Cardiff stand Franz Gruber für den verletzten Wolfgang Knaller im Tor, der erst im Rückspiel in Antwerpen wieder dabei war. Die Admira führte mit 1:0 und 2:1 - um am Ende dennoch vor eigenem Publikum mit 2:4 zu verlieren.

Das Rückspiel am 4. November schien schnell gelaufen zu sein. Zur Pause lagen Knaller und Co. mit 0:2 zurück, waren nach dem Ausschluss von Torjäger Olaf Marschall zudem nur mehr zu zehnt. Doch vier Tore in Halbzeit zwei schufen die Aus­gangssituation für ein Wunder in Antwer­pen. „Dann wuchsen die grauen Mäuse über sich hinaus und wurden in der Hölle von Deuren zu Löwen, welche die Belgier das Fürchten lehrten. Die 6.000 Zuschau­er trauten ihren Augen nicht, als die dezi­mierten Gäste bei ihren gefährlichen Kon­tern Tor um Tor aufholten, und bedachten ihre Equipe, die sich offenbar bereits zu si­cher gefühlt hatte, mit Pfiffen und Buhru­fen“, schrieb die APA. Einzig, es reichte nicht, denn Antwerpens Czerniatynski traf in der Verlängerung zum 3:4 und die Ad­mira war erneut knapp ausgeschieden, denn in der 121. Minute vergaben die Gäs­te noch eine Riesenchance. „Im Elfmeter­schießen wären wir aufgestiegen“, ist sich Knaller heute sicher.

Was erst danach herauskam: Die Tore in Antwerpen waren um vier bzw. sechs Zentimeter zu niedrig. Die Admira protes­tierte - vergebens. Ein Protest hätte vor dem Spiel eingebracht werden müssen. Das Kapitel Europacup war für dieses Jahr endgültig abgeschlossen. Stattdessen stürmte Antwerpen ins Finale und unter­lag erst dort dem AC Parma mit 1:3. Knal­ler relativiert den „Skandal“ um die Tore aber etwas: „Man merkt das schon, aber als Spieler hat uns das nicht wirklich be­rührt. Das ist wie das Wetter, man muss damit zurechtkommen.“

ACHTELFINALE GEGEN JUVENTUS

Der UEFA-Cup-Auftritt 1994 ist schnell erzählt. Unter Coach Didi Constantini und mit Ivica Vastic im Angriff und dem erst 18-jährigen Jürgen Panis in der Startelf gab es in Runde eins zwei Pleiten gegen Dnipropetrovsk - 0:1 zuhause und 2:3 auswärts. Besser lief es dagegen im Herbst 1995. Mit Christian Mayrleb im Sturm und Herbert Gager in der Abwehr besiegte die Admira Gornik Zabrze zuhau­se mit 5:2 - Gager traf doppelt. Auswärts reichte ein 1:1 zum Weiterkommen gegen die Polen, bei denen ein gewisser Jerzy Brzeczek zweimal durchspielte.

In der zweiten Runde traf die Admira auf Cannes mit dem jungen Spielmacher Johan Micoud, der einige Jahre später in Bremen zur Legende werden sollte. Ein Gager-Treffer reichte zu einem 1:1. In Frankreich gelang der Constantini-Elf ein Blitzstart - nach 24 Minuten führte die Admira mit 3:0 und zog letztlich mit einem 4:2-Auswärtssieg in die dritte Run­de ein. Dort wartete Juventus Turin.

Gegen die Startruppe aus Italien, die im Jahr zuvor Zweiter geworden war, sah es anfangs düster aus. Zur Pause lag die Ad­mira zuhause mit 0:3 zurück. Antonio Conte und zweimal Roberto Baggio hatten vor etwa 8.000 Zuschauern für die Alte Dame getroffen. Ein Tor von Michael Bin­der stellte den 1:3-Endstand her. „Wenn man heute die Namen liest, denkt man sich schon ’Wahnsinn, gegen wen wir da ge­spielt haben’. Aber wir waren nicht chan­cenlos. Das 1:0 war für mich ein klares Tormannfoul und wir hatten mit einem Stangenschuss Pech“, erinnert sich Knal­ler zurück.

Kurios war das Rückspiel in Turin: „Es war so neblig, dass ich das andere Tor nicht gesehen habe. Ich frage mich, warum das Spiel überhaupt angepfiffen wurde.“ Ciro Ferrara erzielte bereits in Minute 17 die Führung für Juventus, bei denen der erst 20-jährige Alessandro Del Piero in der Startelf stand. Gerd Wimmers zwischen­zeitlicher Ausgleich - von dem Knaller durch den Nebel nur vom Hörensagen er­fuhr - reichte nicht zum Remis, denn Gianluca Vialli traf kurz vor Spielende per abgefälschtem Freistoß zum 2:1-Sieg der Italiener vor nicht einmal 6.000 Zuschau­ern im Stadio delle Alpi.

Juventus Turin kämpfte sich bis ins Fi­nale, verlor dort gegen Parma, holte aber immerhin das Double aus Liga-Titel und Pokalsieg. „Diese internationalen Spiele zeigen, wie weit du von der Weltspitze ent­fernt bist. Und in unserem Fall war das gar nicht so weit. Wir Österreicher unterschät­zen uns oft“, so Knaller.

Dieser Artikel ist in der 90er-Jahre-Spezialausgabe des Bundesliga-Journals erschienen – erhältlich ab sofort im Zeitschriftenhandel und im Abo unter bundesliga.at/journal-abo

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