90er-Journal: Violette Jubel-Arien

21. December 2020 in tipico Bundesliga

Dreimal Austria Wien, dreimal Austria Salzburg - bis 1997 wurden fast nur violette Helden in der Bundesliga besungen. Titeldramen, Traumtore, Tumulte - es ging heiß her in den Duellen um die Meisterschaft. Mit Christian Prosenik und Heribert Weber erinnern sich zwei Protagonisten an eine Zeit, in der es in Favoriten und Lehen brodelte.

TEXT: MARKUS GEISLER, FOTOS: GEPA PICTURES

„In der 75. Minute ist mir dann noch einer abgerissen.“ So lapidar kann man ein historisches Ereignis beschreiben. Es war der 12. Juni 1991, die Wiener Austria brauchte beim Auswärtsspiel in der Süd­stadt einen Punkt, um im Fernduell gegen Tirol die Nase vorn zu haben. Schnell lag man 0:2 hinten, Evgenij Milevskij gelang der Anschluss, vergeigte aber auch einen Elfmeter. „Und Wolfgang Knaller hat uto­pisch gehalten, er machte alles zunichte, was wir auf sein Tor gebracht haben“, erin­nert sich Christian Prosenik.

Naja, fast al­les. Gegen das Geschoss, das der damals 23­Jährige aus gut 16 Metern in den Winkel knallte, war dann auch der Admira-Goalie machtlos. Ein Schuss in die Glückseligkeit, der die erste Meisterschaft nach fünf Jahren fixierte. Und ein Startschuss für Emotio­nen, die nur solch eine arschknappe Kon­stellation hervorzubringen vermag.

Das Meisterschaftsfinale 1990/91 im Video:

„Ich weiß noch, wie unser Präsident Joschi Walter in der Kabine saß und weinte, so hat er sich gefreut“, erzählt Prosenik, für den es der erste Meistertitel seiner Karriere war. Genauso wie für Herbert Prohaska als Trainer. Der Jahrhundert-Austrianer wur­de zu Beginn des Jahrzehnts fast volley vom Spieler zum Sportdirektor und etwas später auch zum Coach umfunktio­niert und baute or­dentlich Druck auf seine Mannschaft auf:

„Wenn ihr mich jetzt hängen lasst, sind wir keine Freunde mehr.“ Sie ließen ihn nicht hängen und verhinderten ganz nebenbei, dass eine der größ­ten Trainerkarrieren Öster­reichs versandete, bevor sie überhaupt Fahrt aufnahm, denn: „Hätten wir den Titel nicht geholt, hätte ich als Trainer sofort aufgehört.“

TRAINERWECHSEL NACH DOUBLE

Doch der Titel war da. Und er dien­te als Ouvertüre zu einer Ära, die als eine der erfolgreichsten in die Ge­schichte der Austria eingehen sollte. Ein Jahr später kam es in der letzten Runde zum direkten Duell der An­wärter auf den Teller, es standen sich die Austrias aus Salzburg und Wien im Happel-Stadion gegenüber. „Ich erinnere mich an ein Meer aus Violett, das komplette Stadion war eingefärbt“, schwelgt Prosenik in Erinnerungen.

Doch die Idylle trog. Die „Jungs aus Favoriten“ standen unter Siegzwang, dementspre­chend forsch ging man zu Werke, das Oval wurde von Minute zu Minute mehr zu einem Hochdruck-Kessel. „Wenn heute ein Trainer den Linienrichter so attackiert wie damals Herbert Prohaska, würde er wohl für ein paar Spiele gesperrt werden“, glaubt Prosenik. „Aber Herbert war eine überall anerkannte Respektsperson, der konnte sich mehr erlauben als andere.“ Auch Salzburg-Trainer Otto Baric misch­te sich in den verbalen Schlagabtausch ein, es kam zu legendären Schreiduellen an der Linie. Prosenik: „Damals lief alles eine Spur emotionaler ab, zum Teil auch schmutziger. Aber nach dem Spiel gab man sich die Hand, es blieb nichts hän­gen.“ Sportlich lieferten die Wiener, den Toren von Andi Ogris und Toni Pfeffer konnten die Salzburger nur einen Treffer von Hermannn Stadler entgegensetzen. „Eine unvorstellbare Begeisterung, wir wurden von den Fans auf den Schultern ge­tragen.“

Der Meistertitel 1991/92 im Video:

Doch wer glaubte, das Double (im Cupfinale wurde die Admira mit 1:0 besiegt) würde dem Klub harmonische Ruhe bescheren, lag schwer daneben, der Hang zum hausgemachten Melodram lag da­mals schon in der DNA der Austria. Wäh­rend der Saison starb „Mr. Austria“ Joschi Walter, in der Folge ging es in der Füh­rungsebene „drunter und drüber“, wie Pro­senik es formuliert. „Es hieß: Prohaska kann Trainer bleiben, aber nur ohne seine Assistenten Erich Obermayer und Robert Sara. Dann meinte der Herbert: Entweder alle oder keiner. So kam es, dass ein super funktionierendes und auch erfolgreiches Trainerteam gehen musste. In diesem Mo­ment fing unsere Mannschaft an zu zer­bröckeln.“

Eine Mannschaft, in der sich Alphatiere und Mitläufer gleichermaßen dem Erfolg unterordneten, in der es aber durchaus auch die eine oder andere Reiberei gab. Zum Beispiel die, als sich Prosenik und Tormann Franz Wohlfahrt nach einer Meinungsverschiedenheit über die Trainingsintensität eine handfeste Rauferei in der Kabine lieferten. „Aber da waren gleich drei, vier Spieler zur Stelle, die uns auseinanderzogen. So etwas gehört zu einer lebendigen Einheit dazu“, kann Prosenik heute über den Vorfall lachen.

DER DRITTE TITEL-HATTRICK

Doch bevor es zum Zerfall des Teams kam, wurde unter Prohaska-Nachfolger Hermann Stessl der Titel-Hattrick per­fekt gemacht (der dritte der Vereinsge­schichte seit Gründung der Bundesliga). Und das, wie es sich zu der Zeit gehörte, wieder in der letzten Runde (und ausge­rechnet gegen Rivale Rapid), nachdem man zwischenzeitlich schon hoffnungslos hinter Leader Salzburg zurückgelegen war.

„Irgendwann meinten die Salzbur­ger, sie hätten den Sekt schon einge­kühlt“, erinnert sich Prosenik. Die perfek­te Steilvorlage für einen wie Peter Stöger. Als die Austria im Derby zur Halbzeit mit 3:0 führte und der Titel so sicher war die Baumblüte im Frühling, meinte er tro­cken: „Wir sind nicht Salzburg, wir haben keinen Sekt eingekühlt. Wir trinken ihn lieber warm.“ 4:0 wurde das Match ge­wonnen, am Ende war es ein reines Schau­laufen. „Das Derby ist natürlich immer gefährlich, aber Rapid hatte zu der Zeit nicht die Qualität, uns wirklich in Be­drängnis zu bringen, sodass wir unseren Stiefel runterspielen konnten. Von der Anspannung her war dieser Titel nicht mit den beiden vorigen zu vergleichen.“

Der Meistertitel 1992/93 im Video:

JUBEL UND KATZENJAMMER

Während man in Wien also aus dem Fei­ern nicht herauskam, herrschte in Salz­burg Katzenjammer. Zweimal hatte man die Hand schon an der Schale, zweimal wurde man auf den letzten Metern von den Wienern abgefangen. Eine Situation, die vor allem am erfolgsverwöhnten Trainer Otto Baric nagte. „Er kam völlig depri­miert zu mir und sagte, dass er in Salzburg aufhören würde, zweimal so knapp zu scheitern sei ihm in seiner ganzen Karriere noch nie passiert“, erinnert sich Bundesli­ga-Rekordspieler Heribert Weber, der be­reits 1989 als 34-Jähriger zum damaligen Aufsteiger gewechselt war. „Gott sei Dank konnte ich ihn überreden, weiterzuma­chen.“ Nicht auszudenken, wenn „Otto Maximale“ wirklich von Bord gegangen wäre. Denn es sollte eine Saison folgen, die sich auf ewig in die Erinnerung aller Betei­ligter eingebrannt hat, national wie inter­national.

Nachdem der Play-off-Modus abge­schafft und die Zehnerliga wieder einge­führt wurde, gab es vier direkte Duelle je­der gegen jeden. Und alle vier gegen Aus­tria Wien gingen an die Salzburger. Teils mit spektakulären Ergebnissen wie dem 6:0 in der 31. Runde, bei dem Marquinho und Pfeifenberger doppelt trafen. Dass es trotzdem wieder ein Rennen fast bis zum Schluss wurde, lag an der Doppelbelas­tung, da es Otto Konrad, Wolfgang Feier­singer & Co. bis ins Finale des UEFA- Cups schafften.

„Auf der einen Seite hatten wir mit der Müdigkeit zu kämpfen, unserKader war ja von der Größe her nicht darauf ausgerichtet, jeden dritten Tag intensiv gefordert zu sein. Auf der anderen Seite wurden wir von der Eu­phorie getragen, die wir mit unseren Erfol­gen auslösten“, sagt Weber. Überhaupt seien die Fans, die das Lehener Stadion re­gelmäßig in ein Tollhaus verwandelten, ein entscheidender Faktor gewesen. „Sie feierten mit uns, sie weinten aber auch mit uns, wenn wir mal verloren haben. Das meine ich wörtlich. Es gab einen irrsinnig großen Zusammenhalt zwischen Mann­schaft und Anhängern.“

REDEN UND LAUFEN

Am 8. Juni 1994 flossen allerdings aus­schließlich Tränen der Freude und der Rührung. Vor dem Letztrunden-Match gegen die Admira hatte Salzburg zwei Zähler und 13 Tore Vorsprung auf den violetten Rivalen aus Wien, in Zeiten der Zwei-Punkte-Regel eine gmahte Wies'n. Man konnte also relativ entspannt in das Match gehen, mit dem man den allerersten Titel der Klubgeschichte fixieren sollte.

Der erste Meistertitel von Austria Salzburg im Video:

Beim 2:0-Sieg feierte Weber zudem nach 573 meist tragenden Rollen seinen Ab­schied als Aktiver von der Bundesliga­-Bühne. „Baric hat versucht, mich umzu­stimmen, und lockte mich damit, dass ich ja nicht jedes Training mitmachen und nicht bei jedem Spiel dabei sein müsste“, erinnert sich Weber. „Aber ich habe immer schon extrem für den Fußball gelebt, mir auch daheim viele Gedanken gemacht. Oft war ich der Erste, der zum Training kam und der Letzte, der ging. Ich habe einfach gespürt, dass es an der Zeit ist, dieses Kapi­tel zu beenden.“

Wenn das so ist, kann er es ja beurteilen: Welche Faktoren haben diese Mannschaft so erfolgreich gemacht? Weber ist in sei­nem Element: „Erstens: Trainer Baric, der irrsinnig viel investierte und mit seinen Einzelgesprächen, die damals nicht üblich waren, bei den Spielern gut ankam. Zwei­tens: Unsere Mischung aus routinierten Profis wie Garger, Lainer, Stadler oder auch ich auf der einen, und jungen Wilden wie Amerhauser, Feiersinger, Aigner, Hütter, Pfeifenberger auf der anderen Sei­te. Das war top: Wir haben geredet, und die sind gelaufen. Drittens: Die Mannschaft war nicht nur fußballerisch, sondern auch von der Einstellung her sensationell. Wenn es über den Willen ging, waren wir fast nicht zu schlagen.“

EINE HERKULES-AUFGABE

Dementsprechend war es für Weber, der nach seiner aktiven Karriere direkt als Trainer beim Salzburger Satellitenklub FC Puch (2. Liga) einstieg, keine Überra­schung, dass im Folgejahr die Titelvertei­digung gelang und die violette Dominanz in diesem Jahrzehnt weiterging. In der Rückrunde setzte es nur zwei Niederlagen, eine davon im mehr oder weniger bedeu­tungslosen letzten Spiel, vor dem man bei zwei Punkten und zehn Toren Vorsprung auf Sturm Graz als Meister so gut wie fest­stand.

Der Meistertitel 1994/95 im Video:

Die in der Saison darauf folgende Talfahrt, die Rapid als erster nicht-violet­ter Meister seit fünf Jahren ausnutzte, sorgte unter anderem dafür, dass Heri We­ber im März 1996 als neuer Trainer vorge­stellt wurde. Und vor Start der Saison 1996/97 vor einer echten Herkules-Aufga­be stand. Denn es war eine ganze Armada von Klasse-Spielern, die entweder ihre Karriere beendeten oder aber lukrative An­gebote aus dem Ausland annahmen. Es galt also, eine Mannschaft ohne Stützen wie Feiersinger (Dortmund), Pfeifenber­ger (Bremen) oder Konrad (Saragossa) aufzubauen. Und übrigens auch ohne Christian Prosenik, der nach nur einem (verkorksten) Jahr in Salzburg wieder ab­gegeben wurde.

ENDE VIOLETTER DOMINANZ

„In der Öffentlichkeit hatte uns nie­mand auf der Rechnung. Intern habe ich sehr wohl damit gerechnet, dass wir ein Wörtchen um den Titel mitreden kön­nen“, erzählt Weber. Das Um und Auf sei damals eine intelligente Einkaufspolitik gewesen, im Zuge derer Spieler wie Edi Glieder, Walter Kogler, Roman Szewczyk oder Laszlo Klaus an die Salzach geholt wurden. „Und auch ein Routinier wie Wal­ter Hörmann, der mit seiner Erfahrung von 37 Jahren die Führung der Mann­schaft übernahm. Er verstand sich mit meinem Kapitän Adi Hütter bestens, das war eines unserer Erfolgsgeheimnisse.“

Und so wurde in einem Zweikampf mit seiner alten Liebe Rapid, deren Ehrenka­pitän Weber ist, der dritte Titel in vier Jah­ren in die Mozartstadt geholt, eine Serie, die erst mit dem Einstieg von Red Bull im Jahr 2005 wieder realisiert werden sollte. Und die die violette Dominanz bis heute beendete.

Dieser Artikel ist in der 90er-Jahre-Spezialausgabe des Bundesliga-Journals erschienen – erhältlich ab sofort im Zeitschriftenhandel und im Abo unter bundesliga.at/journal-abo

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