Rapid-Tornado Kara: „Meine Karriere ist kein Märchen“

11. Mai 2021 in ADMIRAL Bundesliga Achtung, festhalten: Mit Ercan Kara fegt seit 15 Monaten ein Tornado durch die Tipico Bundesliga, den kein Prophet auf dem Radarschirm hatte. Auch im Interview mit bundesliga.at zeigt der selbstbewusste Rapid-Torjäger seine Qualitäten: Zug zum Tor, ohne sich dabei zu verkünsteln. Der 25-Jährige erklärt, warum ihn sein kometenhafter Aufstieg nicht überrascht, wie er den Angriff auf die Torjäger-Kanone startet, was ihn bitter enttäuscht hat und was der kommende EURO-Sommer für ihn bedeutet.

Gefühlt bist du schon länger ein prägender Teil der Tipico Bundesliga, in Wahrheit sind es gerade einmal 15 Monate. Denkst du manchmal: Wahnsinn, wie schnell alles gegangen ist?

Ercan Kara: Am Anfang habe ich mich schon das eine oder andere Mal kneifen müssen, ob das jetzt alles wirklich passiert. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Bei Karrieren wie deiner spricht man gerne von einem Märchen.

Mir gefällt dieser Vergleich nicht. Ich habe mir Ziele gesetzt, sie verfolgt und dabei nie aufgegeben. Ganz real. Und vor allem: mit harter und konsequenter Arbeit.

Also ganz ohne Zauberfee. Wann hast du erstmals das Ziel formuliert, bei einem Kultklub wie Rapid die Bundesliga zu rocken?

Das weiß ich noch, das war in der Saison 2016/17, als ich für Karabakh in der Wiener Liga 35 Tore geschossen habe. Da kamen Leute zu mir und meinten: Wir wollen dich ganz oben sehen. Und ich selbst habe mir gesagt: Ich will in die Bundesliga.

Du warst drei Jahre beim FC Karabakh bzw. Mauerwerk, warst immer Torschützenkönig, die letzten beiden Male in der Regionalliga Ost...

Das war schon komisch. Wenn du jedes Jahr Tore wie am Fließband schießt, aber trotzdem nicht voran kommst. Zweimal Schützenkönig, und jede Transferzeit ging an mir vorbei. Du machst Tore, performst, aber es meldet sich niemand. Da muss man geduldig sein. So gut sich die Tore angefühlt haben – einfach war es nicht!

Klingt nach Enttäuschung.

Jeder hat seine Ziele, seine Träume. Und die Zeit bleibt ja nicht stehen. Ich habe aber die Nerven behalten, mir gedacht: Vielleicht bin ich ja noch nicht so weit.

Im Sommer 2019 kam das Angebot von Zweitligist Horn. Hast du insgeheim mit mehr gerechnet?

Rechnen kann man viel, was passiert, ist etwas anderes. Horn hat mir das Angebot gemacht, ich habe gründlich darüber nachgedacht, mir alles angesehen, mit Trainer Markus Karner geredet. Ich dachte mir: Das könnte klappen. Ich vertraue bei so etwas auf mein Bauchgefühl. Und das hat mich nicht getrogen.

13 Tore in 16 Spielen, und das bei einer Mannschaft, die nicht gerade auf einem Höhenflug war. Warst du überrascht, dass du überhaupt keine Akklimatisierungszeit gebraucht hast?

Ich sage immer: Das Tor ist überall gleich groß. Wenn man weiß, wo man stehen, wie man an sich arbeiten muss, dann klappt es auch mit dem Toreschießen. Überrascht war ich nicht wirklich. In den ersten zwei Spielen habe ich vier Treffer erzielt, ich war ja voll mit Selbstvertrauen aus den Saisonen davor.

Wie schnell war dir klar, dass Horn nur eine Durchgangsstation ist?

Als ich nach Horn ging, habe ich ganz bewusst nur einen Einjahresvertrag unterschrieben. Ich wollte weiterkommen, hab das auch so kommuniziert: Horn ist nur eine Zwischenstation für mich, ich will in die Bundesliga. Für den Klub war das okay. Sie haben gesehen, ich habe Ziele, und mir geholfen, diese zu verwirklichen.

Gab es Leute, die gesagt haben: Der Kara ist größenwahnsinnig?

(lacht) Ja, das haben viele gesagt. Es hieß: Lebe lieber im Hier und Jetzt und fokussiere dich nicht zu sehr auf das, was eventuell in der Zukunft kommt. Ich aber hatte im Hinterkopf meine Ziele. Ich weiß aber heute, dass es besser ist, manche Ziele lieber für sich zu behalten und im Geheimen daran zu arbeiten.

Als nach einer Halbsaison das Rapid-Angebot kam, musstest du nicht lange drüber nachdenken.

Es war ja so, dass sie einen Stürmer abgegeben haben, der ein ähnlicher Spielertyp war wie ich (Anm.: Aliou Badji). Ich wusste, dass es in dieser Art keinen wie mich im Kader gab. Deswegen war mir sofort klar, dass es passt. Es gab zwar auch mittlerweile andere Angebote, aber ich wollte in Wien beweisen, dass ich es drauf habe.

Wer hat noch angefragt?

Es gab Interessenten aus dem In- und Ausland. Das war aber schnell abgehakt. Lang überreden musste mich Zoki Barisic nicht.

Nimm uns mal mit: Wie läuft so ein Erstkontakt mit Rapid ab?

Ich habe in meinem zweiten Spiel, gegen den FAC, meinen zweiten Doppelpack gemacht. Als ich nachher in der VIP-Lounge war, kam Barisic auf mich zu, wir hatten ein bisschen Smalltalk. Ab dem Zeitpunkt wusste ich, dass Rapid mich auf dem Radar hat.

Diese Saison läuft sportlich top, du hast bewerbsübergreifend 19 Tore und zwölf Assists gesammelt, Rapid ist auf dem Weg zum Vizemeister-Titel. Damit kann man zufrieden sein.

Nein, ich bin nicht zufrieden. Ich hätte mehr Tore schießen und die eine oder andere Aktion besser zu Ende bringen können. Wer sich zufrieden gibt, bleibt stehen! Ich bin dankbar, dass es derzeit gut läuft, aber wenn ich noch mehr arbeite, kann es auch sehr gut laufen.

Nach deinem Tor gegen St. Pölten nannte Trainer Kühbauer dich „Mini-Zlatan“. Gefällt dir das Etikett?

Es ist schon schön, mit so einem großen Spieler verglichen zu werden. Das Tor hat auch dazu gepasst. Ich denke mir aber: Ich bin der Ercan Kara, ich will meine eigene Geschichte schreiben.

Kurios: Du hast wegen Corona noch nie vor voller Kulisse im Allianz Stadion gespielt.

Darauf freue ich mich extrem. Mein erstes Spiel, mein erstes Tor, mein erster Sieg vor diesen Fans. Das wird sicher außergewöhnlich. Ich saß beim Abschiedsspiel von Andy Marek (Anm.: im Februar 2020 gegen WSG Tirol) auf der Bank und habe einen Vorgeschmack bekommen, wurde aber leider nicht eingewechselt.

Kennst du die Atmosphäre als Zuschauer?

Bevor ich zu Rapid gewechselt bin, war ich einmal als Gast dabei, beim 3:3 gegen Hartberg. Ich wollte mal sehen, wie das so ist. (lacht) Und es war beeindruckend (der damalige Kapitän Stefan Schwab erzielte in der 96. Minute den Ausgleich).

Als du im Frühjahr 2020 nach Hütteldorf kamst, wird die EURO ja wohl nicht auf deinem Zettel mit den Zielen gestanden sein. Oder etwa doch?

(denkt länger nach) Ziel... Ich würde sagen: Traum. Genau: Damals war es ein Traum von mir, jetzt ist es ein Ziel. Ich finde, dass ich auf einem guten Weg bin, gegen den WAC war es bereits mein 40. Spiel in dieser Saison. Ich hoffe, ich kann mit Österreich im Sommer Erfolge feiern.

Was nimmst du dir für dich und für die Nationalmannschaft vor?

Erst einmal will ich dabei sein. Wenn ich das schaffe, habe ich in meinem Kopf ein paar klare Ziele. Davor kommt aber der Endspurt in der Bundesliga, den wir positiv bestreiten wollen. Eins nach dem anderen.

Und dann hoffst du, dass Patson Daka ins Ausland wechselt, damit der Weg zum Torschützenkönig frei ist.

Er braucht nicht zu wechseln. Nächstes Jahr werden die Karten neu gemischt, und ich greife wieder an. Welcher Stürmer will am Ende nicht die meisten Tore haben?

Sehr forsch – am besten als Meister mit Rapid, oder?

Ganz ehrlich: In eine Saison zu gehen, ohne Meister werden zu wollen, ergibt für mich überhaupt keinen Sinn. Klar will ich das!

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