Alex Steinbichler: „Es kam schon vor, dass einer drei Kilo mehr auf den Rippen hatte“

15. Juni 2022 in ADMIRAL Bundesliga

Der Urlaub für die Bundesliga-Klubs ist vorbei. Einer nach dem anderen startet in die Vorbereitung. In welcher Verfassung die Spieler ins Training starten, wie lange es braucht, bis sie wieder fit sind, erörtern wir mit elf Fragen an Rapids Athletiktrainer Alex Steinbichler ebenso wie das Rätsel um Yusuf Demir und Rapids fatale letzte halbe Stunde.

1) Herr Steinbichler, es geht wieder los, die Klubs beginnen dieser Tage mit der Vorbereitung. Wie viel mussten die Rapid-Spieler während des Urlaubs tun?

Die, die bis zum Schluss gespielt haben, hatten drei Wochen Urlaub, die ersten zwei Wochen habe ich sie in Ruhe gelassen. Für die letzte Woche haben sie von mir ein Trainingsprogramm bekommen, in dem der Schwerpunkt auf Grundlagenausdauer gelegt war, um bei Trainingsbeginn gleich reinstarten zu können.

2) Dürfen die Spieler eigentlich Urlaub machen wie sie wollen oder sagen Sie Ihnen, dass sie nicht den ganzen Tag am Strand verbringen und nicht zu viel Eis essen sollen?

Das ist jedem selber überlassen. Sie müssen sich die ganze Saison über so viele Vorschriften machen lassen, da sollen sie im Urlaub auch einmal genießen können.

3) Haben Sie die Möglichkeit, die Trainingsleistungen der Spieler schon während des Urlaubs zu überprüfen oder wird’s erst am ersten Trainingstag spannend?

Nein, nein, ich lasse mir jeden Tag die Dokumentation ihrer Läufe zukommen, wir sind ständig im Austausch. Das machen die Spieler, wie es für sie am leichtesten ist. Mit einer Running App oder der Apple Watch und nach verschiedenen Parametern wie Geschwindigkeit, Laufumfang, Wochenumfang. Das Handy vibriert bei mir dadurch zwar öfter, aber dafür habe ich ständig den Überblick.

4) Gibt es zum Trainingsstart dann trotzdem immer wieder mal Überraschungen?

Natürlich ist es auch schon vorgekommen, dass einer drei Kilo mehr auf den Rippen hatte. Andere haben es nicht geschafft, ihre Läufe zu dokumentieren, meistens heißt es dann, dass die Batterie leer war. Da haben wir schon die verschiedensten Erklärungen gehört. Das wird dann im Trainerteam besprochen, meist freut sich die Mannschaftskassa und die Sache ist erledigt.

5) Wie lange brauchen die Spieler, bis sie wieder auf dem körperlichen Level vor dem Urlaub sind?

Man verliert wenig an Ausdauer, das ist schnell aufgeholt. Fast im Gegenteil: Die Spieler bringen im Urlaub ihre Müdigkeit raus und sind wieder mit neuer Frische und Freude am Werk, deshalb ist die Fitness schnell wieder da.

6) Einer der ersten Tage gehört immer den berühmten Leistungstests, was wird da genau gemessen?

Da gibt es auch schon verschiedene Ansätze und Philosophien. Wir testen Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit und einige fußballspezifische Werte. Und im Sommer ist auch die große Leistungsdiagnostik fällig, also Herz, Lunge, EKG, Ultraschall, alles, was von der UEFA vorgeschrieben ist.

7) Wie holen sich die Spieler heute ihre Grundkondition, die quälenden Waldläufe, die bei früheren Fußballergenerationen gefürchtet waren, gibt es gar nicht mehr?

Das passiert heute im Heimprogramm. Waldläufe machen heute nicht mehr viele. Die waren früher wichtiger, weil es da im Fußball vor allem um Ausdauerläufe ging, er war nicht so schnell und sprintintensiv, vieles wurde im gleichen Tempo gemacht. Aber der Fußball hat sich geändert. Die Laufleistungen gehen zurück, die Sprintleistungen steigen. Deshalb ist heute die Schwerpunktsetzung eine andere. Und für die große Anpassung der Ausdauer wären vier Wochen Vorbereitung ohnehin zu kurz.

8) Wie im Vorjahr droht Rapid mit dem frühen Einstieg in die Europacup-Qualifikation auch heuer wieder das dichteste Programm. Wie gehen Sie damit um?

Wir hoffen sogar, dass es wieder viele Spiele werden und wir es wieder in die Gruppenphase schaffen. Wenn wir und qualifizieren, haben wir vor der Gruppenphase quasi schon eine Gruppenphase gespielt. Dazu kommt, dass die erste Länderspielpause, auf die schon immer alle warten, diesmal noch später ist, nämlich erst Ende September. Wir jammern nicht, aber das ist natürlich eine große Herausforderung, der wir uns aber stellen. Deshalb ist eine genaue Planung wichtig, angefangen von der Kaderbreite bis zur Belastungssteuerung. Regeneration wird immer wichtiger, weil die Anzahl der Spiele steigt. Dazwischen darf man keine Fehler machen. Es gilt die Reisen gut zu planen, Ernährung, Schlaf, das hat heute alles hohe Bedeutung. Mannschaften, deren englische Wochen nicht so früh beginnen, haben da schon einen riesigen Vorteil.

9) Es gibt eine interessante Statistik, die zeigt, dass Rapid Tabellenführer gewesen wäre, hätte ein Spiel nur 60 Minuten gedauert. In der letzten halben Stunde wurden aber über 20 Punkte verspielt. Haben Sie als Athletiktrainer eine Erklärung dafür?

Ich will mich da gar nicht aus der Verantwortung nehmen, aber man muss schon auch genauer hinschauen. Es ist nicht so, dass die Daten gezeigt hätten, dass die Spieler nach 60 Minuten fix und fertig sind und deshalb wegbrechen. Es hatte auch andere Gründe, hat sicher auch mit der Kaderbreite zu tun gehabt.

10) Ein Rätsel war in der Vorsaison auch Yusuf Demir. Wie ist das zu erklären, dass ein Spieler von Barcelona mit solchen körperlichen Defiziten kommt?

Offenbar hat Barcelona eine andere Trainingsphilosophie. Aber für einen Spieler ist es immer blöd, wenn er zwar meistens im Kader dabei ist, aber nicht zum Einsatz kommt, wie es bei Yussi oft der Fall war. Dann fehlt ihm die Intensität des Trainings und Spielpraxis hat er auch keine. Darauf dürfte man zu wenig geachtet haben. Es hat dann wirklich ein paar Monate gedauert, bis wir ihn wieder auf dem alten Niveau hatten.

11) Wie vergewissern Sie sich, dass die Standards, mit denen Sie arbeiten, noch up to date sind und die Konkurrenz nicht schon ganz andere Werte ansetzt, Spionage?

Ich versuche schon, auch einmal das eine oder andere Training anderer Klubs zu beobachten. Man informiert sich, tauscht sich mit Kollegen aus und in den letzten Jahren gibt es auch vermehrt Studien zu diesen Themen, da hat sich viel getan.

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