BL-Journal: Kein Messi – aber ein Magier

16. July 2021 in tipico Bundesliga

Mujiri, Kandelaki oder Popkhadze: Otar Kiteishvili setzt die georgische Tradition beim SK Sturm Graz fort. Doch nicht nur das, er hebt sie auch auf eine neue Stufe. Das Porträt eines Spielers, der für die besonderen Momente sorgt.

TEXT: PETER K. WAGNER, FOTOS: GEPA PICTURES

Es gibt diese Spieler, die für besondere Momente sorgen. Und auch wenn sie in allen Mannschaftsteilen zu finden sind, so sind es meist doch die Spielmacher in der Zentrale, die Akteure, die oft die Nummer zehn tragen, die das Publikum im Stadion und vor den Bildschirmen in Staunen versetzen.

NEUE TORGEFAHR

Otar Kiteishvili ist so ein Spieler. Im Sommer 2018 wechselte er als Nachfolger der alten Nummer zehn der Schwarz-Weißen, Peter Zulj, nach Graz. Schon in seinen ersten Spielminuten war offensichtlich, warum Sturm – ein Verein, der üblicherweise sehr selten in Ablösesummen für Spieler investiert – verhältnismäßig viel Geld für den kleingewachsenen, trickreichen Ballkünstler aus Rustawi in Georgien überwies. Als einer der meistgefoulten Spieler der Liga stellt er die gegnerischen Verteidiger mit Tempodribblings ebenso vor unlösbare Aufgaben wie mit neuerdings entdeckter Torgefahr. Sieben Treffer erzielte er in 26 Spielen in der Vorsaison – so viele wie noch nie in seinen drei Jahren in Graz.

Aber Otar Kiteishvili ist kein Mann der großen Worte, der mit seinen Leistungen prahlt. Angesprochen auf seine starke Performance sagt er nur zurückhaltend und freundlich: „Ich glaube, wenn man die Statistiken sieht, kann man erkennen, dass es eine gute Saison war.“ Was er noch weniger mag als Lobeshymnen auf sich selbst sind Vergleiche oder Spitznamen, die auf einen ganz Großen des Weltfußballs verweisen: Lionel Messi. Aufgrund seiner Spielweise und Körpergröße ist zwar eine gewisse Ähnlichkeit feststellbar, und doch sind derlei Bezeichnungen fehl am Platz. Die Genialität von Kiti, wie er seit seiner Zeit in Georgien genannt wird, ist nämlich nicht nur in seinem Umgang mit dem Ball zu erkennen, sondern auch im Spiel gegen ebenjenen. Anders als viele andere Zehner dieser Welt ist er sich nicht zu schade, sich für seine Mannschaft aufzuopfern.

IMMER 100 PROZENT

Und so fußte die Spielidee von Ex- Sturm-Trainer Nestor El Maestro oft auf Balleroberungen des georgischen Teamspielers, der mit seinem Tempo gleichzeitig der perfekte Umschaltspieler für schnelle Gegenstöße ist. Wer Kiteishvilis Statistiken genau studiert, wird erkennen, dass er zwar meist Dreh- und Angelpunkt des Grazer Spiels ist, aber selten 90 Minuten am Platz steht. Der Grund? Sprints nach hinten kosten eben gleich viel Kraft wie jene Richtung Spitze. „Ich bin jemand, der immer 100 Prozent gibt“, sagt er. Und auch wenn das wie eine Floskel klingt, ist die Aussage wahr und muss genauso stehen bleiben.

Verwunderlich ist da eigentlich nur, wieso der 25-Jährige trotz immer wieder aufkeimender Gerüchte über Wechsel in eine höhere Liga noch immer in Österreich spielt. Ein Grund ist vielleicht jener, der Ende dieses Jahres das Licht der Welt erblickt: Kiteishvili wird zum ersten Mal Vater. Seit Beginn seiner Zeit ist seine Partnerin, die mittlerweile seine Frau ist, in Graz. Sie war nicht leicht, die Anfangszeit, weit weg von der Heimat Georgien, mit der er sehr verbunden ist. Da verwundert es wenig, dass Kiteishvili erzählt, dass er mit den Georgiern vom WAC, Guram Giorbelidze und Luka Lochoshvili, regelmäßig in Kontakt steht. „Sie sind beide gute Freunde von mir“, sagt er. Mit Giorbelidze spielte Kiteishvili im U21-Team, mit Lochoshvili bei seinem Ausbildungsklub Dinamo Tiflis.

GEORGISCHE TRADITION

Georgien und die österreichische Bundesliga, da gab es in den vergangenen Jahren den einen oder anderen Namen. Giorgi Kvilitaia stürmte für Rapid, aber noch vorher war bei Sturm Graz bereits der Kaukasus hoch im Kurs. Alles begann mit David Mujiri, der zwischen 2001 und 2006 die Offensive von Sturm bereicherte, es folgten gleich drei Außenverteidiger: Giorgi Shashiashvili (2007 bis 2009), Ilia Kandelaki (2008–bis 2010) und Giorgi Popkhadze (2011 bis 2012). Insofern setzt Kiteishvili gewissermaßen gar eine georgische Tradition bei Sturm Graz fort.

David Mujiri war vor 20 Jahren der erste Georgier im Dress des SK Sturm

Sein aktueller Klub sei ihm aber auch aus anderen Gründen ein Begriff gewesen, immerhin gab es 2010 (Dinamo Tiflis) und 2011 (FC Zestafoni) zweimal Europacupduelle zwischen den Steirern und georgischen Teams. Europacup ist überhaupt ein gutes Stichwort. „Ich habe noch nie in einer Gruppenphase im Europacup gespielt“, blickt Kiteisvhili auf die neue Spielzeit. „Wir haben uns die Qualifikation mit einer guten Leistung im Vorjahr verdient, und ich hoffe, dass wir gut performen und auch auf europäischer Ebene beweisen können, dass wir ein gutes Team sind.“

Übrigens: Wer Otar Kiteishvili noch nie genau studiert hat, der muss nur beispielhaft ein Video seines Tores bei der 1:3- Niederlage gegen Salzburg am 29. Spieltag der Vorsaison anschauen. Gesehen? Es gibt eben diese Spieler, die für besondere Momente sorgen.

 

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