Yusuf Demir: Er will doch nur spielen

4. Februar 2022 in ADMIRAL Bundesliga Er ist wieder da. Sechs Monate lang hat Yusuf „Yussi“ Demir beim großen, aber finanziell klammen FC Barcelona seinen Traum gelebt. Weil bei den Katalanen die Millionen nicht mehr so locker sitzen, kehrte der noch immer 18-Jährige zu seinem Stammklub Rapid zurück, verlängerte seinen Vertrag sogar bis 2024 und will nun in der ADMIRAL Bundesliga seine „Gaudi“ haben.

„Aber nein“, winkt Barcelona-Fan Martin Scherb, der im U15- und U17-Nationalteam Demirs Teamchef war, bei der Frage ab, ob das frühzeitige Ende bei Barça Nachwirkungen zeigen könnte. „Er wird mit derselben Begeisterung Fußball spielen, wie er es sein ganzes Leben lang getan hat und tun wird. Es ist nach einem hervorragenden Start am Ende etwas unglücklich für ihn gelaufen, weil mit Sportdirektor Ramon Planes zuerst einer seiner größten Fürsprecher und dann auch noch Trainer Ronald Koeman ausgetauscht wurden. Aber er hat ein halbes Jahr lang bei einem Weltverein mit Weltstars gespielt und trainiert. Dass Barcelona dann bei in etwa gleich guten Talenten die eigenen, die keine Millionen kosten, bevorzugt, ist nachvollziehbar.“

Zoran Barisic kann jedenfalls keine Spuren von Enttäuschung bei seiner wertvollsten „Aktie“ ausmachen. „Yussi fühlt sich wohl, er lacht wieder mehr. Man merkt, dass er sich freut, wieder mit seinen alten Kollegen spielen zu können. Er kommt mir sogar ein bissi reifer und kommunikativer vor“, so Rapids Sport-Vorstand. „Wichtig wird sein, dass er jetzt mehr Spielzeit bekommt, das ist die beste Therapie“, findet Sky-Experte Marc Janko, „denn wenn man provokant ist, könnte man sagen, er hat am Anfang bei Barcelona mehr gespielt als davor bei Rapid.“

Feldhofer bremst

Damit ist der Ball bei Rapid-Trainer Ferdinand Feldhofer, der seine neue Nummer 10 (die nach dem Abgang von Thierno Ballo wieder für Demir frei geworden ist) im Trainingslager näher kennengelernt hat. „Es ist sehr angenehm mit ihm zu arbeiten, weil er ein sehr ehrgeiziger, lernbereiter, hochtalentierter Bursche ist, der in jedem Training besser werden will“, hat der Steirer nur den besten Endruck vom Barça-Rückkehrer gewonnen. „Dass er ein außergewöhnlicher Fußballer ist, merkst du, sobald er das erste Mal den Ball am Fuß hat“, ist für ihn Yussi schon jetzt einer seiner Top-Spieler im Kader. „Er muss nur regelmäßig spielen.“ Aber genau in diesem Punkt muss der Rapid-Trainer noch auf die Bremse steigen. „Er ist noch nicht so weit. Es wird ein paar Wochen dauern, bis er 90 Minuten durchspielen wird. Aber er ist so reif, dass er das auch einsieht.“

Werte-Diskussion

Es ist Demirs Physis, die schon vor seinem Barcelona-Abenteuer der Grund dafür war, warum er nicht öfter und vor allem länger eingesetzt wurde. „Zoki“ Barisic nimmt sich diesbezüglich kein Blatt vor den Mund: „Er hat physisch einiges aufzuholen. So viel dürften sie nicht gearbeitet haben bei Barcelona. Das klingt möglicherweise provokant, aber ist so.“ Ferdinand Feldhofer kann dem nicht widersprechen. „Wir kennen den Stand seiner körperlichen Werte, als er weggegangen ist und wir kennen sie, als er zurückgekommen ist. Die Werte sind nicht annähernd gleich. Und sie sind nicht besser.“ Dennoch will Feldhofer, der bei Sturm als junger Spieler selbst lange auf seine Chance warten musste („Ich habe Geduld gelernt. Es war schwer in die Mannschaft zu kommen, die haben ja alles gewonnen“), Demir nicht unnötig zappeln lassen. „Er soll so viele Minuten wie möglich machen. Aber geschenkt wird ihm nichts, das ist ihm voll bewusst.“

Erwartungshaltung

Auch was die Erwartungshaltung betrifft, will der Trainer seinem Jungstar nicht zu viel aufbürden. „Wir geben ihm die Zeit, die er braucht. Er soll einmal Fuß fassen, dann den next step machen, nicht drei voraus. Wir wollen gemeinsame Ziele erreichen und uns dann weitere Ziele setzen.“ Nicht ganz vom Druck befreien kann Ex-Teamtorjäger Marc Janko den grün-weißen Hoffnungsträger. „Er hat ohne Frage eine besondere Gabe. Das weckt natürlich Erwartungen. Auch wenn man ihm damit vielleicht keinen Gefallen getan hat, seine Erscheinung und seine Ballführung erinnern schon an Messi. Aber ich glaube es ist nichts Böses, wenn ich sage: Da fehlt ihm schon noch einiges auf den kleinen Herrn aus Argentinien.“ Dass er für die ADMIRAL Bundesliga dennoch eine Bereicherung sein wird, hält er auch für keine allzu gewagte Prognose. „Er hat ein paar mehr Erfahrungen, er hat in dem halben Jahr in einigen wichtigen Spielen gespielt, auch in der Champions League. Darauf kann er schon auch stolz sein.“

Ideal-Position

Ein weiterer Diskussionspunkt war – zumindest im Nationalteam – Demirs Ideal-Position. „Er hat so viel Spielintelligenz, dass er in der Offensive jede Position bekleiden kann“, zerbricht sich Trainer Feldhofer darüber nicht den Kopf. Auch für Martin Scherb, Leiter der Talentförderung im ÖFB, stellt sich die Frage nicht. „Er hat auf jeden Fall die Fähigkeiten, auf engstem Raum immer die richtige Lösung zu finden. Ob er auf dem Flügel oder im Zentrum spielt, ist dabei gar nicht entscheidend, er braucht nur Mitspieler, die mit ihm Fußball spielen und auf seine Ideen eingehen. Er denkt wie beim Schach immer zwei, drei Spielzüge voraus.“

Die Zukunft

Wie weit denkt Yusuf Demir in seiner Karriereplanung voraus? Ist der Sommer schon der richtige Zeitpunkt für den zweiten Schritt ins Ausland? „Ich war immer ein Freund davon, nicht zwei Schritte vor dem ersten zu gehen“, blickt Marc Janko auf seine eigenen Legionärsjahre zurück. „Der Schritt nach Barcelona war natürlich ein gewaltiger. Es wäre aber auch viel verlangt von einem Spieler, nicht zu gehen, wenn Barça ruft. Das hat jetzt vielleicht nicht nach Wunsch geklappt, aber eigentlich hat er mit den Einsätzen in der ersten Mannschaft mehr erreicht, als ursprünglich überhaupt geplant war. Eine Stufe darunter traue ich ihm auf jeden Fall zu. Erling Haaland ist das beste Beispiel dafür, dass man nicht gleich ins oberste Regal greifen muss. Sein bisheriger Weg hat perfekt funktioniert, er kann sich jetzt aussuchen, wohin er geht.“ 

Und was sagt Yusuf Demir? „Mein Ziel ist es, alles zu gewinnen.“ Am Samstag kann er im ÖFB-Cup-Viertelfinalspiel gegen den TSV Hartberg damit beginnen.

Artikel teilen: