„Wie ein Star gefühlt!"

12. Jänner 2023 in ADMIRAL Bundesliga

2017 feierte die eBundesliga ihre Premiere. Philipp Gutmann, zweifacher Teammeister mit Sturm, erzählt, wie der neue Bewerb in der eSports-Szene einschlug und sich fulminant entwickelte.

 

Für Philipp Gutmann wurde mit der Einführung der eBundesliga 2017 ein Traum wahr. Endlich fanden seine beiden großen Leidenschaften zusammen: FIFA Zocken und der SK Sturm Graz. „Für uns FIFA-Spieler war es ein Wahnsinn, als wir gehört haben, es gibt eine offizielle eBundesliga und alle Vereine sind dabei.“ Nicht einmal in Deutschland gab es so etwas. „Ich hab mich natürlich sofort für Sturm angemeldet, weil ich seit 20 Jahren als Fan bei praktisch jedem Spiel in der Nordkurve stehe. Im echten Fußball war ich nicht gut genug – umso schöner ist es dann, wenn du deinen Verein in der eBundesliga vertreten kannst.“

Große Erleichterung

Der Zustrom zu den ersten Klubevents war enorm – wie sich auch in Graz in der Seifenfabrik zeigte: „Es waren so viele Leute beim Check-in im Foyer, dass du dich fast nicht rühren konntest. Gefühlt war die ganze e-Sport-Jugend der Steiermark, die FIFA spielte, da.“ Gutmann zählte da freilich bereits zu den Top-Spielern, gestählt durch die Weekend League, die er auf seinem Twitch-Kanal streamte. „Trotzdem war ich sehr erleichtert, dass ich es ins Team geschafft hab. Das war mein erster großer Erfolg in FIFA. Ich hab mein Trikot von Sturm-Geschäftsführer Thomas Tebbich bekommen und gestrahlt bis über beide Ohrwascheln. Das war ein Wahnsinns-Gefühl“. Dieses hielt auch beim Training mit den anderen Spielern im Sturm-FIFA-Team an: „Wir haben schnell gesehen, da kann was gehen, wir gehören zu den allerbesten Teams. Das hat uns richtig gepusht. Die Teams waren damals noch größer als heute mit fünf Spielern und zwei Ersatzspielern – und sogar die waren gut.“ Die Hochgefühle wurden noch größer, als das Finalturnier in Wien begann. „Keiner wusste, was da abgeht. Es war total überwältigend. Auf einmal gehen diese Tore zum Studio 44 auf und jeder hat seine Trikots, Vereinsoffizielle laufen herum, es gibt unzählige Spielstationen und eine richtig geile Bühne. Da hat es schon gekribbelt.“ Erstmal erlebte Philipp die Dynamik eines so wichtigen Offline-Turniers, die sich grundlegend von einem Online-Turnier unterschied: „Du hast diese ganzen Mindgames, die Kameras und merkst, um was es geht. Viele werden da nervös. Mir taugt das aber voll. Weil das fühlt sich nach echtem Wettkampf an.“

Auf einmal im ORF

Bei seinem Sturm-Team entwickelte sich eine große Gruppendynamik: „Als ein Kollege neben mir gejubelt hat, war ich auf einmal selbst extra motiviert, ein Tor zu machen. Dann hab ich gesehen, wie ein Gegner verzweifelt, weil mein Team so gut spielt.“ Am letzten Spieltag ging es dann gegen eine bärenstarke Mannschaft von Red Bull Salzburg um den Titel. „Wir haben gewusst, wir brauchen Siege. Ich hab mein Spiel relativ locker gewonnen. Zeitgleich hat unser Filip Babic aber noch ein Tor gebraucht. Deshalb hab ich während meiner Partie schon fast mehr auf seinen Bildschirm geschaut als auf meinen. Dann ist ihm wirklich kurz vor Schluss das Tor gelungen. Plötzlich stehst du als Meister auf der Bühne. Die Kristina Inhof vom ORF interviewt dich. Das war irgendwie surreal. Ich hab gar nicht verstanden, was da abgeht.“ In der Saison 2018/19 fand dann das Einzelfinale sogar direkt im SKY-Studio statt. „Dort stand ein perfektes Setup mit wahnsinnig hoher Produktionsqualität. Da hast du gemerkt, da rührt sich etwas in der eBundesliga.“ Das war freilich eine Phase, wo alle auch noch dazulernen mussten. Beispielsweise ein Fotograf, der Philipp während einer Partie mit seinem Blitz im Gesicht blendete.

„Geilste Location“

Den absoluten Höhepunkt der medialen Inszenierung erlebten die eSportler dann kurz vor der Corona-Krise beim Finale 2020 in der Expedithalle in Wien-Favoriten. „Das war die mit Abstand geilste Location, in der ich je ein FIFA-Turnier gespielt habe – da konnte auch kein internationales Turnier mithalten.“ Und das hieß etwas. Immerhin zählte Gutmann bei FIFA20 zu den zehn weltbesten Spielern und war vorher bei zwei großen internationalen Turnieren dabei gewesen. Bei einem war auch sein guter Freund Marcel Holy mit dabei. Ausgerechnet der eingefleischte Austrianer war es dann, der Philipps Siegeslauf im Einzelbewerb im Finale stoppte und sich als Lokalmatador zum Meister krönte. „Ich habe es ihm absolut gegönnt. Gleich am Anfang hat er eine super Chance von mir vereitelt und im Gegenzug das 1:0 gemacht. Dann war er der Bessere.“ Noch heute schwärmt Gutmann von der Atmosphäre: „Ein Wahnsinn. Die Halle war richtig groß mit der Bühne als Ring in der Mitte, wo sich die Spieler gegenübergesessen sind. Das Fernsehen war da, es gab eine Expertencouch. Du hast dich wie ein Star gefühlt. Da hab ich mir gedacht: Oida, wo bin ich da? Dann live im Fernsehen spielen zu dürfen, damals sogar mit Pulsmessgerät. Du hast dich gefühlt wie ein Vollprofi.“ Zwar war die Coronakrise für die Offline-Events ein kleiner Dämpfer, doch das sportliche Niveau ist seit den bereits gelungenen ersten drei Saisonen der eBundesliga weiter gestiegen. Der Einzelbewerb wurde aus dem Teambewerb ausgegliedert, es gibt jetzt Majors als Qualifikationsturniere und statt damals im 85er Modus, matcht man sich jetzt im 95er Modus – was den Topspielern hilft, ihre Stärken noch besser auszuspielen.

Redakteur: Christoph König

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