27. März 2026
BW-Linz-Trainer Köllner: "Ich kann den Spielern ja keine Märchen erzählen“
Michael Köllner hat den 1. FC Nürnberg in der Bundesliga geführt und sich rekordverdächtige drei Jahre auf dem Schleuderstuhl von 1860 München gehalten. Seit Jänner arbeitet er daran, mit Blau-Weiß Linz den Klassenerhalt zu schaffen. Mit bundesliga.at sprach der 56-jährige Bayer über die nervliche Anspannung im Abstiegskampf, Österreichs Fußball und seine Talente.
Herr Köllner, Sie haben aus Ihren sieben Spielen mit Blau-Weiß Linz sieben Punkte geholt. Sind Sie damit halbwegs zufrieden?
Die Punkteausbeute passt noch nicht zu unseren Leistungen. Aber wir sehen eine klare Entwicklung. Wir waren in jedem Spiel gut dabei, hätten in jedem Spiel etwas mitnehmen können, auch beim 1:3 gegen Altach, dem einzigen Spiel das wir mit mehr als einem Tor Unterschied verloren haben. Die Mannschaft und jeder Spieler geben seit meinem Start in jedem Training und jedem Spiel Vollgas. Wir haben uns bis dato sehr gut entwickelt. Von daher hätte ich es meiner Mannschaft von Herzen gegönnt, wenn wir mehr Punkte geholt hätten.
Haben Sie in Ihrer bisherigen Karriere schon einmal eine vergleichbare Aufgabe wie jetzt in Linz gehabt?
Nein, das ist Neuland für mich. Ich bin zwar auch bei anderen Klubs in schwierigen und anspruchsvollen Phasen eingestiegen, zum Beispiel in Ingolstadt, das von den letzten 13 Spielen eines gewonnen und elf verloren hatte. Auch Nürnberg und 1860 München waren am Abrutschen in die Abstiegszone und es war herausfordernd, den Trend zu stoppen, aber ich war nie bei einem Klub, der Letzter war und sich in der Tabelle zwingend verbessern musste. Aber dadurch, dass ich im Winter übernommen habe, hatte ich bei Blau-Weiß mehr Zeit als bei meinen bisherigen Klubs, wo ich in einer Länderspielpause oder direkt vor dem nächsten Spieltag eingestiegen bin. Hier musste ich nicht innerhalb von wenigen Stunden zusagen und habe genau gewusst, worauf ich mich einlasse.
Wie gelegen kommt Ihnen die Punkteteilung, die es in der ADMIRAL Bundesliga ein letztes Mal gibt?
Wir profitieren natürlich ganz klar davon, aber auch grundsätzlich finde ich sie attraktiv für die Liga. Dass in der Meistergruppe zwischen dem Ersten und Sechsten sechs Punkte und in der Qualifikationsgruppe zwischen dem Siebten und Zwölften acht Punkte liegen, wäre normal nicht möglich. Dass in der Meistergruppe jeder Meister werden kann, macht sie natürlich extrem spannend. In der Qualifikationsgruppe ist es auch spannend, aber da sehe ich schon, dass sie auch für eine sehr hohe nervliche Belastung sorgt und für alle Beteiligten eine brutale Anforderung darstellt.
Kann man als Trainer dafür sorgen, dass die Spieler diese nervliche Belastung ausblenden?
Die kann ich ihnen nicht abnehmen, ich kann ihnen ja keine Märchen erzählen. Jeder weiß, worum es geht. Umso wichtiger ist es, dass wir ruhig und klar bleiben. Ob nächste Saison erste oder zweite Liga, das ist ein gewaltiger Unterschied. Umso mehr ist es meine Aufgabe, Ruhe auszustrahlen und der Mannschaft Orientierung zu geben. In so einer Phase geht es darum, den Glauben aufrechtzuerhalten – intern wie extern. Ich und meine Spieler tun letztlich gut daran, den Fokus auf unsere Spiele und auf die damit verbundenen Trainingseinheiten vollumfänglich zu richten.
Was haben Sie bisher für einen Eindruck von der Liga?
Spätestens nach unserer guten Partie gegen Sturm Graz, die wir nur knapp 0:1 verloren haben, war mir schon klar, dass zumindest in dieser Saison alle zwölf Klubs sehr eng beisammen sind. Es gibt keine großen Unterschiede zwischen den Teams in den Spielen, es geht in jedem Spiel um Details. Alle Mannschaften sind mit hoher Intensität am Werk, verteidigen meist Mann gegen Mann und es fallen sehr sehr wenige Tore in nahezu allen Spielen. Ausschlaggebend für Sieg oder Niederlage sind oft nur die Standards oder grobe Fehler.
Hoffen Sie, dass der Sieg gegen Ried nach 0:2-Rückstand für einen zusätzlichen Ruck in der Mannschaft sorgt?
Jeder Sieg bewirkt in so einer engen Liga etwas. Das kann man überall beobachten: Wer ein Spiel gewinnt, steht beim nächsten Mal schon ganz anders auf dem Platz. Für uns war es ein Muss, dieses Spiel zu gewinnen und nach dem 0:2-Rückstand ein riesiger Kraftakt. Danach waren wir natürlich sehr erleichtert, auch weil es unser erster Sieg zuhause im Derby gegen Ried war. Aber jetzt warten acht weitere harte Runden.
Dabei haben sie in seinem Interview einmal gemeint, dass in Österreich alles ein wenig ruhiger zugeht, es "nicht in jedem Spiel gefühlt ums Leben“ geht.
(lacht) Da bin ich jetzt leider zum falschen Zeitpunkt gekommen. Das Interview muss schon älter sein, bei diesem Modus gilt das nicht mehr. Und schon gar nicht, wenn man den Letzten übernimmt und zum Punkten verdammt ist. Da ist jedes Spiel, das man nicht gewinnt, gefühlt ein Weltuntergang. Aber genau in solchen Momenten musst du stabil bleiben und dagegenhalten.
Sie haben nach dem Sieg gegen Ried gemeint, dass niemand mehr einen Schilling auf Blau-Weiß gesetzt hätte. Sind Sie mit Österreich und seiner alten Währung so vertraut, weil Sie bei Ihren früheren Stationen schon einige österreichische Spieler hatten?
Na gut, wenn ich als Bayer keinen Bezug zu Österreich hätte, hätte ich in meinem Leben einen Fehler gemacht. Ich war früher viel in Österreich und bin nun jeden Tag in Österreich. Mit Georg Margreitter und Lukas Jäger, den ich jetzt bei Altach wieder öfter treffe, bin ich in Nürnberg in die Bundesliga aufgestiegen. Gerade in Nürnberg und bei 1860 waren Österreicher immer sehr erfolgreich, wenn ich da an Guido Burgstaller oder Alessandro Schöpf beim Club denke. Bei 1860 ist Peter Pacult noch immer ein großer Name und eine Legende. Das sind schon Spieler, die Spuren hinterlassen haben. Am Ende sind Österreicher Spieler, die sehr willig sind, die in Deutschland keine Anlaufschwierigkeiten haben und sofort da sind. Und weil sie alle sehr gut ausgebildet sind, kann man praktisch blind hinlangen.
Apropos Ausbildung. Sie waren viele Jahre in der DFB-Talentförderung. Wie sehen Sie Österreich da aufgestellt?
Ich war im Sommer als Vertreter der deutschen Fußballtrainer bei einer ÖFB-Tagung in Saalfelden, an der alle Akademie- und ÖFB-Nachwuchstrainer bis hin zu Ralf Rangnick teilgenommen haben. Da habe ich gesehen, wie intensiv man sich in Österreich vor allem mit der individuellen Talentförderung befasst. Für mich ein Schlüssel in der Nachwuchsförderung. Zudem war auch hier klar erkennbar, wie Teamchef Ralf Rangnick Einfluss auch auf die Nachwuchsförderung in Österreich nimmt. Mit dem U-17-Vizeweltmeistertitel hat Österreich nun auch international ein Ausrufezeichen im Nachwuchsbereich gesetzt. Ich bin mir sicher, dass die österreichischen Auswahlteams auch in Zukunft starke Leistungen zeigen werden und auch die Topspieler in diesen Teams ihren Weg in die Top-5-Ligen in Europa finden werden.
Sehen Sie bei Blau-Weiß auch Spieler mit Potenzial für eine Top-Liga?
Gut, einige wie Shon Weissman waren ja schon dort. Auch sonst haben sicher einige das Zeug, in Deutschland zu spielen, weil sie - wie schon erwähnt - gute Voraussetzungen dafür mitbringen. Man muss sich ja nur das Nationalteam anschauen, das ist ja fast eine Bundesliga-Auswahl.
Nach der Länderspielpause steht das Spiel beim GAK an, der Ihnen etwas enteilt ist. Was sind Ihre Erwartungen?
Der GAK hat vorgezeigt, was alles möglich ist. Er ist mit zwei Siegen in die Qualifikationsgruppe gestartet und hat sich damit von hinten abgesetzt. Wir werden eine Top-Leistung brauchen, um zu bestehen, aber ich bin guter Dinge. Nach einer Länderspielpause ist immer die Frage, wer den Rhythmus mitnehmen kann, wer wie gut rauskommt. Wir werden gut vorbereitet sein und mit voller Überzeugung auftreten.
Text: Horst Hötsch; Fotos: GEPA pictures