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13. März 2026

Johannes Eggestein Jubel FK Austria Wien

Johannes Eggestein: „Scorerpunkte sind nicht das Entscheidende!“

Austrias stürmender Psychologe gibt in unserer Rubrik „11 Fragen an“ tiefe Einblicke in seine Welt bei der Austria. Der Bundesliga-Topscorer erklärt, auf was es bei seiner Rolle wirklich ankommt, warum Norddeutsche nicht kühl sind, bei den Violetten Teamwork nicht nur gepredigt wird und Meinungen ausgehalten werden müssen. Plus: Was den Reiz der Liga ausmacht, uns international besser machen würde, warum ihn Dragovic und Wien begeistern und wie ihm das Weltgeschehen nahe geht.

Die Veilchen blühen auf, nicht nur in den Favoritner Gärten. Großen Anteil daran hat Johannes Eggestein – aktuell der Topscorer der Liga (9 Tore, 6 Vorlagen). Wer im Gespräch mit dem deutschen Stürmer das Wort „Meistertitel“ in den Mund nimmt, erntet aber ein abwehrendes Lächeln. Zu frisch ist noch die Erinnerung an den Saisonstart, der so holprig war, wie aktuell der Rasen in der Generali Arena. Während der gerade mit aufwändigen Methoden auf Vordermann gebracht wird, ist die Mannschaft schon ein paar Schritte weiter. 4 der letzten 6 Spiele gewonnen, jetzt könnten die Violetten mit einem Sieg am Sonntag gegen Sturm (17 Uhr) sogar Richtung Tabellenspitze schielen. Wir baten den 27-jährigen Kaffee-Liebhaber und Psychologie-Studenten zu einer intensiven 11-Fragen-Melange mit bundesliga.at. 

1. Du bist Topscorer der Liga, liegt das auch an deiner Lieblingsposition als hängende Spitze, die du bei der Austria einnehmen kannst?

Es liegt mehr daran, dass ich nochmal einen Sprung in meiner Entwicklung gemacht hab und mich noch besser in die Mannschaft einfügen konnte. Für mich sind Scorerpunkte aber nicht das Entscheidende, sondern mein Impact in der Mannschaft durch meine Spielweise im Offensiv- und Defensivverhalten. Da hab ich viele Punkte gefunden, wo ich in der Umsetzung von taktischen Aspekten und Kommunikation mit anderen Spielern wichtig sein kann. Über diese Rolle definiere ich mich. Die Scorerpunkte sind nur ein weiterer Output, man darf sich nicht zu sehr darauf fokussieren.

2. Aleks Dragovic scheint nach seinen zwei Toren in Folge schon daran zu arbeiten, dich als Topscorer abzulösen.

Johannes Eggestein und Aleksandar Dragovic, FK Austria Wien Training

(lacht). Ich hätte nichts dagegen, wenn er jetzt jedes Spiel ein Tor macht. Noch mehr freut mich, wie er sich über seine Tore freut und über das ganze Feld läuft. Diese Begeisterung mit 35 – das ist beeindruckend und auch der Grund, warum er immer noch spielt. Drago ist ein besonderer Mensch mit seiner ganzen Art. Es gibt ja keinen zweimal, aber er ist nochmal ein besonderer Fall.

3. Die Ausgeglichenheit in der Liga ist heuer enorm. Was spricht im Meisterrennen für die Austria?

(lacht) Unser erstes Ziel waren die Top-6. Jetzt ist es ein europäischer Startplatz. Das ist realistisch. Ich glaube, einer Mannschaft würde es nicht gut tun, jetzt in Richtung Meistertitel zu denken. Es geht darum, einen guten Start in die Meistergruppe hinzulegen. Dann gibt es immer diese Momente 4, 5 Spieltage vor Schluss, wo man auf die Tabelle guckt und sagt: Okay, jetzt kann man in gewisse Bereiche angreifen. Salzburg und Sturm sind schon die Favoriten, haben den höchsten Kader-Marktwert. Wir haben auch viele Verletzte. Da wäre es nicht fair, den Titel von uns zu erwarten. Man kann immer noch am Schluss schauen, was möglich ist.

4. Gibt es trotzdem einen Joker, den ihr im Duell mit den anderen mitbringt?

Ja, unsere Teamarbeit. 

Das werden auch die anderen sagen ...

Ja, aber es zu sagen, ist das eine, das andere ist, es auch zu leben. Wenn man unsere Spiele sieht, wie wir uns gegenseitig unterstützen, hebt sich das schon von anderen ab. Das ist bei uns keine Phrase. Wir haben da auch Schwerpunkte gesetzt und an Teamdynamiken besonders intensiv gearbeitet. 

5. Ist es nicht schräg, wenn man sich die extrem unterschiedliche Stimmungslage bei euch und Rapid anschaut, dass ihr in der Tabelle nur zwei Punkte vor ihnen seid?

Dieser knappe Zwischenstand liegt am Ligaformat – und das hat absolut seinen Reiz. Wir nehmen das gut an. Es bringt Herausforderungen und Chancen. Als ich noch beim LASK war und Salzburg in der Liga so überlegen vorne, fand ich das mit der Punkteteilung sehr spannend. Inzwischen ist die Liga sehr ausgeglichen und da passt es ganz gut, wenn man am Format wieder etwas ändert. 

6. Der Saisonstart ging bei euch komplett in die Hose. Ganz ehrlich, hättest du dir damals gedacht, dass sich die Saison noch so entwickelt?

Johannes Eggestein gegen SK Sturm Graz Bundesliga

Ich hab in meiner Karriere schon viele schwierige Phasen und Schwankungen erlebt. Wir haben uns stark entwickelt und einiges adaptiert, als Verein und Mannschaft die Ruhe bewahrt und uns die Zeit gegeben. Es geht auch in solchen Phasen darum, sich darauf zu konzentrieren, Woche für Woche ein bisschen besser zu werden. Und dieses Gefühl hatte ich mit jedem Spiel mehr – deshalb war ich trotz des schwierigen Starts immer positiv. Ich finde es immer am wichtigsten, in der Mannschaft eine Basis zu schaffen, die es ermöglicht, sich auszusprechen und ehrlich zu zeigen, was man fühlt. Ohne, dass man Angst hat, gleich verurteilt zu werden. Man muss Meinungen aushalten und darüber diskutieren. Das haben wir zusammen mit dem Trainerteam sehr gut hinbekommen und das ist für mich ein großer Wert in der Gruppe. 

7. Im schnelllebigen Fußball wird der Trainer nach so einem Fehlstart oft gewechselt. Wie wichtig war es, dass das bei euch nicht passiert ist?

Eine Kontinuität auf entscheidenden Positionen zu haben, ist für eine Mannschaft sehr wichtig. Es gibt einem als Spieler eine gewisse Sicherheit. Wenn sich die Richtung, die der Trainer vorgibt, alle paar Monate ändert, musst du dich als Spieler auch immer neu orientieren. Und das bringt ganz viel Unsicherheit. Deshalb war es gut, dass der Verein die Ruhe bewahrt hat. Dann hat man gesehen, wie es gefruchtet hat.

8. Als Dominik Fitz gegangen ist, hatten viele die Befürchtung, man könnte diese Lücke nicht schließen. Jetzt scheint man trotzdem stabil dazustehen.

Fitzi war sehr wichtig. Meine persönliche Erfahrung ist, wenn ein Spieler, der die Mannschaft mit so vielen Scorerpunkten mitgetragen hat, plötzlich weg ist, verändern sich die Dynamiken in einer Mannschaft. Andere Spieler übernehmen Verantwortung, man rückt enger zusammen, kompensiert das als Team. Das ist das Schöne im Mannschaftssport. Da haben wir viele gute Lösungen gefunden. Auch für den Abgang von Maurice Malone.

9. International haben sich Österreichs Vereine in dieser Saison sehr schwer getan. Warum?

Meine persönliche Meinung ist, ohne es jetzt komplett analysiert zu haben, dass die Vereine zu stark auf eine Spielweise setzen und sich am klassischen Red Bull Pressing orientieren. Das hat zwei, drei Jahre gut funktioniert, aber mit der Zeit stellen sich die Gegner darauf ein und es macht dich ausrechenbarer. Da gilt es mehr Flexibilität reinzubringen. Da schätze ich sehr an uns, dass wir ein sehr ausgewogenes Spiel haben. Wir stehen mal im tiefen Block, mal haben wir wieder ein höheres Pressing, wir spielen auf zweite Bälle, haben aber auch ein gutes Aufbauspiel. Diese Varianten haben wir uns erarbeitet. Das zeichnet uns. Wenn sich mehr Vereine in Österreich da breiter aufstellen, würde das sicher im internationalen Vergleich auch wieder etwas verändern.

10. Du bist vom schönen Hamburg ins schöne Wien gewechselt, offenbar hat Lebensqualität einen großen Einfluss in deiner Karriereplanung. Was magst du an den zwei Städten?

Austria-Spieler Eggestein jubelt

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich auf St. Pauli drei gute und emotionale Jahre hatte mit dem Aufstieg und der Bundesligasaison. Das waren Momente, die einen bewegen und mit den Menschen dort verbinden. Entgegen des Vorurteils der kühlen Norddeutschen, sind die Menschen dort auch sehr gemütlich und warmherzig. Da einen Cut zu machen und die Stadt zu wechseln, ist eine herausfordernde Situation. Immer nur den Sportler zu sehen und davon auszugehen, dass der wie eine Maschine sofort weiter funktioniert, wäre vermessen. Viele menschliche Aspekte spielen da auch eine Rolle. Bei Wien hatte ich ein gutes Gefühl und bin mit meiner Entscheidung sehr zufrieden. Ich wohne in einem der inneren Bezirke und bin da sehr viel unterwegs. Man kommt auch mit den Öffis super überall hin. Ich kann in 15 Minuten in den ersten oder zweiten Bezirk spazieren. Das ist total schön. Das macht Wien aus. Ich mag auch sehr die Kaffeehäuser und wie unterschiedlich sie sind. Klassische, moderne, große, kleine, da ist so viel dabei. Ich schlendere gerne einfach durch die Straßen und such mir spontan eines aus. 

11. Du bist sehr politikinteressiert. Wie gehst du mit den ganzen Krisen gerade um?

Es ist nicht einfach. Mich macht das persönlich sehr betroffen. Es beschäftigt mich auch sehr. Ich suche mir bewusst Zeiten am Tag aus, an denen ich Nachrichten konsumiere, lege sie aber auch wieder weg. Ich will nicht den ganzen Tag Push-Nachrichten bekommen, was schon wieder passiert. Es geht zwar schon darum, sich zu interessieren und tiefer zu einem Thema zu informieren, aber sich auch wieder auf sein eigenes Leben zu fokussieren und zu schauen, was kann ich selbst beeinflussen. Was kann ich für mich und meine Mitmenschen Gutes tun? Da nehme ich hier in Wien auch viel Positives wahr. Alles andere ist sehr beunruhigend und geht mir sehr nah.

Text: Christoph König; Fotos: GEPA pictures