13. Jan. 2026
Keiner spielt so schnell wie Austria Wien
Opta-Daten zeigen: In keiner der Top-5-Ligen wird der Ball so schnell und direkt nach vorne gespielt wie in Österreich. Und in der ADMIRAL Bundesliga ist diesbezüglich Austria Wien das Maß der Dinge. Warum das so ist, haben wir mit Admira-Trainer und Sky-Experte Thomas Silberberger besprochen.
Es gibt Grafiken, die auf den ersten Blick verblüffen. Zum Beispiel diese:

Zur Erklärung: Auf der Y-Achse ist die Median-Geschwindigkeit, mit der die Teams den Ball nach vorne bewegen, sei es per Pass oder per Dribbling. Auf der X-Achse sind die durchschnittlichen Pässe pro Ballbesitz-Sequenz. Beobachtungszeitraum ist die abgelaufene Herbst-Saison, also die Runden 1 bis 17. Damit wird also gezeigt, welche Mannschaften der heimischen Bundesliga den Ball schnell und direkt nach vorne spielen (links oben) und welche sich eher Zeit lassen, mehr Pässe spielen, sich den Gegner quasi zurechtlegen (rechts unten). Und siehe da: Red Bull Salzburg, seit vielen Jahren das Paradebeispiel für schnellen, dynamischen Angriffsfußball, ist nach dieser Lesart das bedächtigste Team der Liga.
Ein Nachteil? Wohl kaum, schließlich gehen die Salzburger als Tabellenführer in den Endspurt des Grunddurchgangs. Und auch Thomas Silberberger, Sky-Experte und Trainer des Zweitligisten Admira Wacker, ist überzeugt: „Das liegt schlicht und ergreifend am Qualitätsplus, das die Salzburger haben. Sie sind in der Lage, sich bei hohem Anlaufen des Gegners sauber aus dem Gegenpressing zu befreien und spielerische Lösungen zu finden.“ Wer die entsprechende Ruhe am Ball hat und diese ausspielt, riskiert weniger Ballverluste und kann sein Spiel meist durchbringen.

Am anderen Ende der Skala: Austria Wien, das den Ball mit der Geschwindigkeit von 2,3 Metern pro Sekunde nach vorne bringt. Und damit um 1,4 Meter schneller agiert als die Mozartstädter. „Das hat mich überrascht“, gibt Silberberger zu. „Von meinem Bauchgefühl her hätte ich darauf getippt, dass Blau-Weiß Linz am schnellsten herausspielt. Aber da geht es am Ende ja auch nur um Nuancen.“ Oder um weniger als 0,2 Meter pro Sekunde, um es in Zahlen auszudrücken.

Der internationale Vergleich macht sicher
Noch einen Schuss mehr an Überraschung gewinnt die Angelegenheit dann, wenn man die Grafik um internationale Teams aus den Top-5-Ligen erweitert. So wie hier:

Daran erkennt man: Salzburg mag laut statistischen Werten im nationalen Vergleich langsam wirken, bewegt sich international aber auf Augenhöhe mit schnellen Teams wie RB Leipzig, die TSG Hoffenheim oder Liverpool. Aus der Premier-League kann beispielsweise gerade einmal Glasner-Klub Crystal Palace von sich behaupten, mit noch höherer Geschwindigkeit die Kugel nach vorne zu bringen.
Und auch hier lohnt ein Blick ans andere Ende der Skala. Denn dann sieht man, dass die vermeintlich langsam agierenden Teams die derzeit erfolgreichsten Europas sind. So gibt es in den europäischen Top-5-Ligen keine Mannschaft, die so viele Pässe pro Ballbesitz-Sequenz spielt und dabei den Ball so langsam nach vorne trägt, wie der aktuell amtierende Champions-League-Sieger Paris St. Germain, der in der aktuellen Saison der Königsklasse nur ein Spiel verloren hat. Nämlich gegen Bayern München, das in der Grafik ebenfalls rechts unten angesiedelt ist.

Experte Silberberger: „Für mich als Fan ist der Stil dieser beiden Teams wunderbar zum Anschauen. Aber da reden wir von absoluten Weltklasse-Spielern, die auch jede andere Philosophie verfolgen könnten und es immer noch funktionieren würde, weil sie die Fertigkeiten dazu haben. Zwischen Ballbesitz und hohem Pressing können die alles.“
Die Bundesliga ist schneller als jede Top-5-Liga
Jedenfalls drängt sich der Verdacht auf, dass keine der Top-5-Ligen mithalten kann, wenn es um schnörkelloses Spiel nach vorne geht. Was diese Grafik eindeutig beweist:

Im Schnitt spielen die Teams der heimischen Bundesliga den Ball um etwa 0,3 Meter pro Sekunde schneller nach vorne als in Italien, England, Spanien oder Deutschland, auch die Anzahl der Pässe ist klar geringer. Überrascht davon, Herr Silberberger? „Wenn ich ehrlich bin: Nein“, sagt der Tiroler. Und liefert die Erklärung hinterher: „Nachdem Salzburg unter Ralf Rangnick den aggressiven Pressingstil eingeführt hat, wurde dieser sukzessive von allen Mannschaften übernommen. Es gab einen kompletten Paradigmenwechsel. Daran orientieren sich die österreichischen Teams seit geraumer Zeit.“
Wobei man betonen muss: Es ist generell kein Qualitätsmerkmal und sagt nichts über den Erfolg aus, ob man eher links oben oder rechts unten in der Grafik angesiedelt ist. Es zeigt lediglich, welche Philosophie hierzulande vorherrschend ist. Und da ist klar: Einerseits wird in Österreich schnell und schnörkellos der Ball auf die letzte Linie gespielt, was von den meisten Fans als attraktiv wahrgenommen wird. Andererseits ist klassischer Ballbesitzfußball nicht das bevorzugte Mittel der Wahl. „Vielleicht wäre es sinnvoll, beide Stile miteinander zu vermischen und eine Balance zu kreieren“, schlägt Silberberger vor. „Dann wäre man flexibler und schwerer ausrechenbar.“
Text: Markus Geisler; Grafiken: Opta by Stats Perform; Fotos: GEPA pictures