10. Juni 2026

Mario Kempes - der Weltmeister, der die ADMIRAL Bundesliga beehrte
Mbappé beim TSV Hartberg? Messi bei der SV Ried? Genauso unvorstellbar war es in den 1980er Jahren, dass Mario Kempes, der Weltmeister und Torschützenkönig der WM 1978, bei der Vienna kicken würde. Und doch wurde es 1986 Realität.
Natürlich waren da auch die deutschen Weltmeister. Die von 1990 schickten vorab Klaus Augenthaler, der in der ADMIRAL Bundesliga aber nicht mehr – wie gut 15 Jahre lang bei den Bayern – den Libero gab, sondern 1997 beim GAK in seine erste Cheftrainer-Rolle schlüpfte. Das tat "Auge" immerhin so erfolgreich, dass ihm Lothar Matthäus ab 2001 bei Rapid nacheifern wollte, was aber von überschaubarem Erfolg begleitet war. 2003/04 ließ schließlich der kleine Thomas „Icke“ Häßler seine große Karriere auf dem Rasen der Salzburger Austria ausklingen.
Auch die Weltmeister von 2014 hinterließen keinen nachhaltigen Eindruck. Die erste Cheftrainerstation des WM-Rekordtorschützen Miroslav Klose beim SCR Altach dauerte in der Saison 2022/23 nur neun Monate, Jerome Baoteng musste 2025 nach nur neun Einsätzen für den LASK einsehen, dass die Zeit gekommen war, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen.
Der einzige Weltmeister in der ADMIRAL Bundesliga, der nicht aus Deutschland kam, genießt hierzulande hingegen noch heute Kultstatus – Mario Kempes.

„Mario Kempes zur Vienna? Das ist, als würde der Papst Pfarrer von Grinzing werden“, kommentierte die "Kronen Zeitung“ im Winter 1985/86 den bevorstehenden Sensations-Coup. Der Weltmeister und Torschützenkönig von 1978 in Österreich, das hielt auch Ernst Happel nicht für möglich, der im WM-Finale auf der niederländischen Trainerbank saß, als Doppelpacker Kempes Argentinien in der Verlängerung zum WM-Titel schoss. „Des kann i ma net vorstellen“, soll der (Vize-)„Wödmasta“ in seinem Stamm-Café in Ottakring nach Lektüre der "Krone"-Schlagzeile gebrummt haben. "Der Kempes sieht die Hohe Warte und die dort üblichen 1.000 Gstätten-Haberer, draht sich auf der Stell’ um und rennt davon.“
In diesem Punkt sollte sogar Happel irren, wie er sich nach seiner Rückkehr nach Österreich im Sommer 1987 selbst überzeugen konnte. Mario Kempes heuerte mit gerade einmal 32 Jahren und als Rekord-Torschütze des CF Valencia tatsächlich bei den Döblingern an und kickte fortan im Mittleren Playoff gegen den Abstieg.
Eingefädelt hatte den Deal die Sportagentur ISPRO, die ein Viertel der Zuschauereinnahmen bekommen sollte und Kempes mittels Einzelspielersponsoring (die „Brust“ kostete rund 50-60.000 Schilling; etwa 4.000 Euro) vermarkten konnte. „Das Trikot hatte so viele Werbeaufschriften auf der Brust, dem Rücken und den Ärmeln – ich habe wie ein Formel 1-Fahrer ausgesehen“, erinnerte sich Mario Kempes später in seiner Biografie „El Matador“.
Ob es sich für alle Beteiligten ausgezahlt hat, darf zumindest angezweifelt werden. Immerhin stieg der Zuschauerschnitt der Vienna dank ihrer weltmeisterlichen Attraktion von 900 auf gut 3.700. Gegen den Wiener Sport-Club kamen im April 1986 offiziell sogar 11.000 (inklusive Gratisblitzern sollen es gar 15.000 gewesen sein), um das Duell Kempes gegen Krankl zu sehen. Das Duell der beiden Torjäger, die nacheinander den „Pichichi“, die Trophäe für Spaniens Torschützenkönig, gewonnen hatten (Kempes 1976/77 und 1977/78, Krankl 1978/79), endete mit einem 1:0-Erfolg der Blau-Gelben. Für das Tor sorgte aber keiner der Superstars, sondern der 21-jährige Thomas Niederstrasser.
Im Sommer 1987 verließ Mario Kempes die Vienna, blieb aber noch fünf Jahre in der Bundesliga, zunächst beim VSE St. Pölten, den er erstmals ins Oberhaus und dort zwischendurch an die Tabellenspitze schoss, zuletzt beim Kremser SC. 1992 verließ er 38-jährig nach 179 Spielen und 54 Toren (inkl. Mittlere Playoff) die Bundesliga. Zu besonderen Anlässen kommt der erste WM-Held Argentiniens und Vorreiter von Maradona und Messi (Maradona: „Mario Kempes war es, der den argentinischen Fußball auf die Landkarte gesetzt hat“) noch immer gerne zurück auf die Hohe Warte.
7 Dinge, die selbst eingefleischte Fußball-Fans nicht über Mario Kempes wissen

1) Kempes hat neben sizilianischen auch deutsche Vorfahren, deren Namen Quemps lautete. Die Einwanderungsbehörden in Argentinien waren damit überfordert und machten Kempes daraus.
2) Kempes, der sich im Teamcamp einen Schnurrbart hatte wachsen lassen, war vor Argentiniens viertem WM-Spiel gegen Polen bereits zwei Jahre ohne Tor für Argentinien, als ihn Teamchef Menotti fragte: "Mario, willst du nicht deinen Bart loswerden und schauen, ob du dann mehr Glück hast? In Valencia hattest du auch keinen Bart.“ Kempes rasierte sich, traf doppelt und wurde am Ende mit sechs WM-Schützenkönig.
3) Bei der Siegerehrung trug Kempes statt seines Trikots mit der Nummer 10 das seines Kollegen Olguín mit der Rückennummer 14. „Meines hatte Kapitän Passarella mir schon abgenommen. Er sagte, er habe der Jungfrau Maria ein Versprechen gegeben und nahm all unsere Dressen mit."
4) Für den Gewinn des Weltmeistertitels erhielten Kempes & Co. je 24.000 Dollar, das war damals der Wert einer kleinen Wohnung.
5) Den Weltmeistern von 1978 wurde oft der Vorwurf gemacht, dass sie sich von der damals herrschenden Militärdiktatur einspannen ließen. Kempes hatte bereits vor der WM klar gemacht: „Meine Ziele gelten Argentinien, nicht Videla“. Später sagte er: „Wir haben nicht aus politischen Gründen Fußball gespielt, sondern weil Fußball unser Leben ist.“
6) Seit 2010 heißt das Stadion in Cordoba, in dem Hans Krankl den Radio-Reporter Edi Finger (sen.) mit seinen zwei Toren beim 3:2-Sieg gegen Deutschland „narrisch" werden ließ, nach dem großen Sohn der Stadt „Estadio Mario Alberto Kempes“.
7) Gemeinsam mit seinem ESPN-Kommentatorenkollegen Fernando Palomo war Kempes, der seit vielen Jahren in Florida lebt, jahrelang eine der Stimmen der argentinischen Ausgabe von „FIFA“.
Text: Horst Hötsch; Fotos: GEPA pictures