08. Apr. 2026
Marvin Potzmann über den Titelkampf: „Das ist eine eigene Kunst“
Marvin Potzmann hat im Laufe seiner Karriere für vier der aktuellen Titelkandidaten der ADMIRAL Bundesliga gespielt. Was er von Sturm, LASK, Rapid und Austria erwartet und was er nach seinen 274 Bundesliga-Spielen treibt, verriet der 32-Jährige im Gespräch mit bundesiga.at.
Marvin, du hast der ADMIRAL Bundesliga im vergangenen Sommer nach 274 Spielen adieu gesagt. War das so geplant oder hat es nach dem Vertragsende bei der Austria an Möglichkeiten gefehlt?
Das eine oder andere Angebot hätte es schon noch gegeben, aber sie wären alle wieder mit einem Umzug verbunden gewesen. Im Sommer konnte ich viel Zeit mit meiner Frau und meinem fünfjährigen Sohn verbringen und habe gemerkt, was ich als Profi alles verpasse. Deshalb habe ich den Entschluss gefasst, nach 15 Jahren Profileben sesshaft zu werden. Nachdem ich schon neben der Karriere zwei Studien abgeschlossen habe, arbeite ich jetzt in einer Bank in der Unternehmensbetreuung. Außerdem bin ich in Ollersdorf im Südburgenland am Hausbauen. Als Ausgleich spiele ich mit TuS Bad Waltersdorf in der steirischen Landesliga. Das geht sich gut aus, weil unsere Heimspiele am Freitag sind und ich dann das Wochenende für die Familie habe.
Du warst bei vier der sechs Teams der Meistergruppe unter Vertrag, am Wochenende gab es mit LASK gegen Austria und Rapid gegen Sturm sogar zwei Duelle deiner Ex-Klubs – bist du von den Ergebnissen überrascht worden?
Überrascht hat mich auf jeden Fall die Anfangsphase von LASK gegen Austria. Da ist es ja losgegangen wie bei der Feuerwehr. Dabei habe ich die Tore gar nicht live gesehen, weil ich noch auf der Baustelle gearbeitet habe, bis mich meine Frau reingerufen hat, weil’s nach 13 Minuten schon 3:1 stand.
Mit einem Sturm-Sieg bei Rapid hast du eher gerechnet?
Mit einem Ergebnis rechnen kann man in dieser Saison gar nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals so knapp war wie jetzt. Aber nach dem Sieg gegen Rapid ist jetzt schon Sturm wieder in die Favoritenrolle geschlüpft. Die Grazer haben es in den letzten beiden Jahren auch schon gezeigt, dass sie wissen, wie man mit dieser Situation umgehen muss.
Du meinst, sie wissen, wie man den Meistertitel über die Ziellinie bringt?
Genau, das ist eine irrsinnige Kopfsache, wenn man kurz davor ist, einen Titel zu gewinnen. Das sind die schwierigsten Schritte für einen Sportler, weil von links und rechts so viel auf dich einprasselt. Vor allem von den Medien. Mit diesen Einflüssen muss man einmal umgehen können. Ich weiß noch gut, wie ich von Grödig zu Sturm gekommen bin. Ich habe den Druck des Gewinnen-Müssens überhaupt nicht gekannt. Das ist eine eigene Kunst.
Was spricht außer der Meister-Erfahrung und vier Punkten Vorsprung noch für Sturm?
Dass mit Stankovic und Kiteishvili immer noch das Grundgerüst der letzten Jahre da ist, obwohl es in den letzten zwei Jahren viele Transfers gegeben hat. Ich glaube, dass ihnen auch die Rückkehr von Gazibegovic gut tut, weil er auch einer ist, der genau weiß, wie das Spiel der Grazer läuft.
Du hattest Didi Kühbauer bei Rapid und beim LASK als Trainer, kann er die Linzer im zweiten Anlauf zum ersten Meistertitel seit 1965 führen?
Dass Didi seine Mannschaft gut einstellen kann und genau weiß, wo und wie er die Spieler einsetzen muss, hat er ja gezeigt. Da ist er für mich einzigartig in Österreich. Bis auf Hartberg ist noch jeder im Rennen, man sieht ja, wie schnell es geht. Wenn man zwei Spiele hintereinander gewinnt, bist du statt Fünfter plötzlich Zweiter. Die Frage ist, wie der LASK damit umgeht, sollte er einmal da vorne stehen. Richtig Qualität hat er im Kader, das sieht man jede Woche. Wobei für mich Sascha Horvath einen überragenden Job macht. Aber auch Rapid hat einen richtig guten Kader.
Womit wir beim Derby sind. Wagst du eine Prognose für Sonntag?

Ich habe einige Derbys gespielt, aber wie es ausgeht, lässt sich nicht vorhersagen, weil gerade im Derby so viel passieren kann. Ich erwarte ein sehr intensives Spiel, aber das ist schon so ziemlich alles, womit man rechnen kann. Ich werde es mir als neutraler Zuschauer anschauen.
Die Austria war deine letzte Profistation. Was zeichnet sie aus?
Was uns ausgezeichnet hat und was noch immer gilt, ist, dass die Mannschaft ein verschworener Haufen ist. Das sind alles super Burschen mit dem Herz am rechten Fleck. Mit Drago und Mandi Fischer haben sie auch noch echte Leader, die alles unternehmen, um ein Spiel zu gewinnen und den immer mehr jungen Spielern vorleben, was es heißt, Profi zu sein.
Gab's diese Leader auch, als du mit 17 beim SV Mattersburg erstmals in die ADMIRAL Bundesliga geschnuppert hast?
Das war noch eine andere Zeit, noch alte Schule. Da hat noch ein rauerer Ton geherrscht als heute. Nichts Schlimmes, aber es war schon ruppiger. Aber auch damit musste man lernen umzugehen.
Zum Abschuss noch zu einer Mannschaft, für die du nicht aufgelaufen bist: Was ist von Red Bull Salzburg noch zu erwarten?
Auch die Salzburger haben noch ihre Chancen, aber die Zeiten, in denen sie alles überrannt haben, sind vorbei, weil die Konkurrenz aufgeholt und sich darauf eingestellt hat. Dass die WSG Tirol in Salzburg ein 0:2 aufholt und dann noch 3:2 gewinnt, wie es im Herbst passiert ist, wäre früher unmöglich gewesen. Wenn du da einmal 0:2 im Hintertreffen warst, bist du am Ende mit einer 0:5- oder 0:6-Packung heimgefahren.
Text: Horst Hötsch; Fotos: GEPA pictures