21. Mai 2026
Thomas Schrammel vor EC-Showdown: „Jetzt geht jeder über Grenzen!“
Für keinen Klub hat Thomas Schrammel mehr Spiele absolviert als für Rapid und Ried. Für die Hütteldorfer lief der einmalige Teamspieler 128-mal in der Bundesliga auf, das Trikot der Innviertler, mit denen er 2011 Cupsieger wurde, 64-mal. Vor dem Play-off-Showdown um das letzte Europacup-Ticket (Hinspiel ist am Freitag um 19.30 Uhr, live auf Sky) baten wir den früheren Linksverteidiger, der in Tirol lebt, in der Sportartikel-Branche tätig ist und derzeit seine Trainer-B-Lizenz macht, um eine Einschätzung der Lage seiner beiden Ex-Vereine.
Wie sehr hat dich das Last-Minute-Drama der Rieder gegen den WAC gepackt?
Eine unglaublich spannende Endphase. Und eine richtig starke Partie wieder einmal von Kingstone Mutandwa, der mit seinen beiden Toren meinen Freund Rene Gartler in der Bestenliste überholt hat (Anm.: Gartler traf 2012/13 und 2013/14 je 15-mal für Ried, Mutandwa steht jetzt bei 16 Toren, Allzeit-Führender ist Ronald Brunmayr, der 1999/2000 19 Treffer erzielte). Das wird jedenfalls ein ganz hartes Stück Arbeit für Rapid. Vor allem auswärts, da ich selbst genau weiß, wie hoch die Trauben in Ried hängen. Ich kann mich erinnern, dass wir mit Rapid dort mal nach einer Niederlage den Fans Rede und Antwort stehen mussten.
Kann so ein Last-Minute-Tor wie am Dienstag nochmal Extrakräfte freisetzen?

Erfolgsgeschichten beeinflussen dich immer positiv! Auch wenn es übers Elfmeterschießen gegangen wäre, hätte es etwas ausgelöst. Die Chance auf eine Europacup-Teilnahme ist aber immer ein großes Thema, so dass ohnehin jeder immer alles in solche Spiele hineinwirft. Ich fand es schon beeindruckend, wie Ried nach dem Ausgleich trotzdem alles nach vorne warf und dieses Tor unbedingt wollte.
Ried kommt aus der Qualifikationsgruppe und kann viel gewinnen, Rapid kommt aus der Meistergruppe und hat etwas zu verlieren. Spielt das eine Rolle?
Es ist immer einfacher, wenn du der Underdog oder Newcomer bist, der befreit aufspielen kann. Zumal Ried den Schwung der letzten Spiele ja mitnehmen kann, da haben sie ja doch viel gewonnen. Rapid hatte dagegen durchschnittliche Resultate. Sie hatten dann zwischendurch sogar die Chance, ganz vorne hineinzuschnuppern, wurden aber am Ende Fünfter. Der größere Druck liegt sicher bei ihnen.
Dafür hat Rapid vor genau einem Jahr eine sehr positive Erfahrung gemacht, als Ercan Kara an gleicher Stelle in letzter Sekunde gegen den LASK das entscheidende Tor nach Europa erzielte.
Solche Erfahrungen sind im Fußball zwar immer wichtig, helfen in dieser konkreten Situation aber nicht viel. Hinter Rapid liegt eine spezielle Saison mit einem Trainerwechsel und komplizierten Phasen. Jetzt muss jeder noch einmal seinen Mann stehen und alles aus seinem Körper rausholen, um den internationalen Startplatz zu sichern. Ich weiß aus meiner Zeit, dass der Verein das auch vorgibt, das ist ein Muss-Ziel.
Ried-Trainer Maximilian Senft hat seinen Abschied zum Saisonende angekündigt. Problematisch?
Ich habe nicht alle Spiele der Rieder gesehen, habe aber schon den Eindruck, dass er die Mannschaft sehr gut im Griff hat. Aber mich hätte so etwas als Spieler nicht beeinflusst. Es geht ja für jeden Einzelnen darum, sich nächstes Jahr auf internationaler Bühne präsentieren zu können. Da ist in dem Moment nicht entscheidend, wie die Zukunft des Trainers aussieht. Wenn das Spiel angepfiffen wird, versucht jeder nur, den Sieg zu holen.
Du kennst die Wucht des Publikums-Riesen Rapid. Wie wichtig ist es, mit einem Erfolgserlebnis aus dieser Saison zu gehen?

Ich denke, dass Rapid vor dieser Saison viel investiert hat. Und es spielt sicherlich auch eine Rolle, dass man über das internationale Geschäft Prämien und Antrittsgelder einkalkulieren kann. Dazu kommt, dass es im Sommer ungleich schwieriger wird, Spieler auf dem Transfermarkt zu verpflichten, wenn der Europacup als Anreiz fehlt. Wer zu Rapid wechselt, geht davon aus, international dabei zu sein.
Es gibt ein Hin- und ein Rückspiel, das zweite Match ist in Hütteldorf – ein großer Vorteil?
Prinzipiell ja! Wenn du den Block hinter dir hast und die Fans Gas geben, ist es schon etwas anderes als im kleinen, aber feinen Ried-Stadion. Wobei in meiner Zeit die Auswärtsblöcke auch immer eine gute Stimmung gemacht haben, egal in welcher Konstellation. Wenn das Spiel auf der Kippe steht, können die Rapid-Fans das Zünglein an der Waage sein. Es kann allerdings auch nach hinten losgehen. Nämlich dann, wenn Unruhe herrscht, Pfiffe kommen, die Stimmung zu kippen droht. Das kann die Mannschaft in solchen Spielen auch hemmen.
Die Bilanz in dieser Saison ist ausgeglichen, es gab jeweils Auswärtssiege. Dazu eliminierten die Rieder den Rivalen im ÖFB Cup. Spielt das eine Rolle?
Das ist nicht ausschlaggebend. Jetzt geht es nur noch ums nackte Gewinnen. Niemand wird mehr geschont, keiner braucht zu taktieren, der volle Fokus ist nur darauf gerichtet, diesen einen Platz zu ergattern. Es wird auch niemand mehr die Müdigkeit als Ausrede anführen. Wobei ich da schon gespannt bin, wie Ried damit zurechtkommt, ein Spiel mehr absolviert zu haben. Das werden sie am Freitag schon noch in den Knochen spüren.
Du hast bei beiden Klubs erfolgreiche Zeiten erlebt und warst da wie dort beliebt. Hast du einen emotionalen Favoriten?

Ich habe mich bei beiden Vereinen sehr wohlgefühlt. Wahrscheinlich wäre es für den österreichischen Fußball ein etwas stärkeres Zeichen, wenn Rapid international vertreten wäre. Aber ich gönne es genauso den Riedern, die als Aufsteiger eine tolle Saison spielen und einen sehr guten Job machen. Nach so vielen Jahren Ried wieder auf die internationale Landkarte zu setzen, wäre schon eine tolle Sache.
Text: Markus Geisler; Fotos: GEPA pictures