Als der „Wödmasta“ die Nordkette zum Beben brachte

9. July 2020 in tipico Bundesliga

Nach sechs Jahren beim Hamburger SV mit einem Europacupsieg, zwei Meistertiteln und einem DFB-Pokal kehrte Ernst Happel 1987 nach Österreich zurück. Mit dem FC Swarovski Tirol wurde der Wiener 2x Meister und 1x Cupsieger. Dabei drohte diese sportliche Liebesbeziehung schon früh zu scheitern.

Text: Franz Hollauf, Foto: GEPA Pictures

„Ich muss alt und senil sein, wenn ich nach Österreich zurückkehre!“, so ein legendäres Zitat von Ernst Happel lange vor seiner Rückkehr in seine Heimat. Lange galt die Beziehung zwischen dem „Wödmasta“ und Österreich als unterkühlt, fühlte sich der Trainer mit Weltruf in seiner Heimat stets zu wenig respektiert. Doch im Sommer 1987 konnte Gernot Langes, der den FC Swarovski Tirol als Präsident aus der Taufe gehoben hatte, den damals 61-jährigen Happel von einem Engagement in der Bundesliga überzeugen – DIE Trainerverpflichtung des Jahrzehnts war perfekt. Und der Kader war gespickt mit Stars wie dem Deutschen Hansi Müller, Peter Pacult oder Bruno Pezzey.

ERSTE SAISON OHNE TITEL: HAPPEL BOT RÜCKTRITT AN

Doch es dauerte, bis es zwischen Happel und dem FC Tirol eine Liebesbeziehung wurde. In seiner ersten Saison blieb der Klub titellos, peinlicher Höhepunkt war die Niederlage im Cup-Finale gegen den Zweitligisten Krems. Happel bot Langes sogar seinen Rücktritt an, dieser aber hielt an ihm fest. Happel entließ nach Saisonende 13 Spieler, also die halbe Mannschaft, wegen mangelnder Motivation. Langes griff noch einmal tief in die Tasche, der Kader wurde mit Spielern wie ÖFB-Teamtorhüter Klaus Lindenberger, Peter Hrstic, Leo Lainer oder Christoph Westerthaler verstärkt.

DOUBLE 1989: SERIE DER WIENER KLUBS GEBROCHEN

Dieser radikale Umbau erwies sich als goldrichtig, denn ab diesem Zeitpunkt waren die Tiroler das Maß aller Dinge im heimischen Fußball. Nach dem Herbstmeistertitel 1988 zerlegten die Blau-Weißen im Frühjahr die Konkurrenz und wurden mit sechs Punkten Vorsprung auf die Admira Meister 1989. Die Übermacht der Wiener Großklubs Rapid und Austria mit elf Meistertiteln in Serie war damit gebrochen.

Das Meisterschaftsfinale 1988/89 im Video:

Zum Drüberstreuen holten die Tiroler in einem wahren Final-Krimi (0:2, 6:2) gegen die Admira auch noch den Cupsieg. Doch Happels Hunger nach Erfolgen war damit noch nicht gestillt. Mit der Verpflichtung des Argentiniers Nestor „Pipo“ Gorosito (später sogar Nationalspieler) und des Tschechen Vaclav Danek erhielt der Kader neue Offensivpower. Die Dominanz der Innsbrucker auf dem Rasen wurde dadurch noch erdrückender. In der Herbstsaison gab es nur eine Niederlage, am Saisonende 1989/90 hatte man stolze acht Punkte Vorsprung auf die Wiener Austria. Der zweite Meistertitel in Folge war in trockenen Tüchern. Kleiner Schönheitsfehler war die Cup-Viertelfinale-Niederlage bei der Vienna.

DICKE TRAININGSANZÜGE BEI 35 GRAD

Der damals blutjunge 20-jährige Michael Baur erinnert sich im Gespräch mit dem Bundesliga-Journal zurück: „Unser großer Vorteil damals war die Fitness. Wir waren konditionell allen überlegen.“ Und Happel kannte in Sachen Trainingsintensität keine Gnade. „Wir mussten stets mit dicken Trainingsanzügen trainieren. Egal, ob bei Regen oder bei 35 Grad in der Mittagssonne wie beim Trainingslager in Argentinien.“ Apropos Trainingslager in Argentinien. „Happel bestand darauf, dass die gesamte Mannschaft in einem Trakt untergebracht war. Das Hotel schaffte das zunächst nicht und Happel drohte mit der sofortigen Abreise. Am nächsten Tag waren wir dann alle in einem Trakt. Auch das war Happel, er hat seine Linie immer knallhart durchgezogen.“

Als Wiener Grantler, wie ihn viele Journalisten immer wieder bezeichnet hatten, habe er Happel allerdings nie wahrgenommen. „Er hat nie auf die Mannschaft draufgehauen und sich in der Öffentlichkeit immer schützend vor sie gestellt.“ Baur kam damals aus der eigenen Jugend in den Profikader. Im Europacup gegen Nikosia im Herbst 1989 debütierte er unter Happel und erzielte dabei gleich sein erstes Profi-Tor. „Vor dem Spiel hat er mich gefragt, ob ich einen Beistrich in der Hose habe. Und mir dann einen Satz gesagt, den ich nie vergessen werde. Er meinte: Ein guter Spieler ist sofort ein guter Spieler. Und du bist ein guter. Das hat mir unheimlich viel Selbstvertrauen gegeben.“

Disziplin und Einsatz standen bei Happel stets an erster Stelle. Er scheute auch nicht davor zurück, große Namen auf die Bank zu setzen und stattdessen der Jugend eine Chance zu geben. „Alle hatten vor ihm Respekt, da gab’s nie ein Murren“, so Baur. Versuchte ein Spieler, Happels Philosophie zu durchkreuzen, gab es entsprechende Konsequenzen. 

GARGERS FEHLER MIT DEM ZWEITEN SUPPENTELLER

Dazu weiß Baur eine lustige Anekdote: „Wir haben auswärts in Graz gespielt. Beim Mannschaftsessen hat sich Kurt Garger einen zusätzlichen Teller Suppe bestellt, prompt stand er nicht in der Startaufstellung. Happel zu ihm: Du isst das, was alle anderen auch essen und nicht einen Suppenteller mehr.“ Dass Happel selbst bei der Ernährung keinen Spaß kannte, nahm Pacult einmal zum Anlass, um sich mit dem jungen Baur einen Spaß zu erlauben. „Bei Happel durfte man sich maximal eine kleine Nachspeise gönnen. Ich bestellte auf einer Raststation eine Kugel Eis. Plötzlich kam die Kellnerin mit einem Riesen-Eisbecher samt Sternspritzer zurück. Happel sah das und fragte, was das sollte. Ich hatte schon einen hochroten Kopf. Pacult hat Happel dann gebeichtet, dass das auf seine Kappe ginge. Happel konnte sich daraufhin einen Lacher nicht verkneifen.“

Peter Hrstic gab anlässlich der 100-Jahr-Feier von Wacker Innsbruck im Jahr 2013 offen zu: „Unter Happel hab ich zum ersten Mal erfahren, was es heißt, ein Fußballprofi zu sein.“ In der Saison 1990/1991 versäumte Happel knapp den Titelhattrick. Danach beendete er sein Engagement in Tirol und übernahm den Teamchefposten der österreichischen Nationalmannschaft. Elf Monate später, am 14. November 1992, erlag Happel im Alter von 66 Jahren seinem Krebsleiden.

Happel habe laut Baur Fußball Tag und Nacht gelebt. Selbst als er schon von seiner Krankheit gezeichnet war. „Ich werde nie vergessen, wie er nach einer Chemotherapie, gestützt von zwei Leuten, zu uns in die Kabine am Tivoli gekommen ist und mit ganz leiser Stimme gesagt hat: Burschen, haut’s es eine! Da zieht es mir heute noch die Gänsehaut auf.“

Dieser Artikel ist in der 80er-Jahre-Spezialausgabe des Bundesliga-Journals erschienen – erhältlich ab sofort im Zeitschriftenhandel und im Abo unter bundesliga.at/journal-abo

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