Die unvollendete Sturm-Ikone Gernot Jurtin

8. July 2020 in tipico Bundesliga

WM-Teilnehmer, Torschützenkönig, Publikumsliebling: Gernot Jurtin war in den 80er-Jahren DER Stürmerstar bei Sturm Graz. Der Steirer schoss in 378 Bundesliga-Spielen nicht weniger als 117 Tore für die Schwarz-Weißen. Ein Meistertitel war ihm nicht vergönnt – und das denkbar knapp.

Text: Franz Hollauf, Foto: GEPA Pictures

Dr. Herbert Troger, Herausgeber des Vereinsmagazins „Sturm Echo“ und langjähriges Mitglied im Sturm-Vorstand, kann sich im Gespräch mit dem Bundesliga-Journal noch ganz genau an das dramatische Saisonfinale 1981 erinnern. Für Sturm, mit dem gefürchteten Offensiv- Duo Gernot Jurtin und dem Kroaten Bozo Bakota, war nach dem Gewinn der Herbstmeisterschaft erstmals in seiner Vereinsgeschichte der Meisterteller zum Greifen nah.

Eine Runde vor Schluss führten die Grazer mit ihrem Trainer Otto Baric, der erst ein Jahr zuvor von Präsident Franz Gady von Zagreb in die Murmetropole gelotst worden war, einen Punkt vor der Wiener Austria. „Dabei wäre die Mannschaft eine Saison davor beinahe abgestiegen. Baric hat sie davor gerettet und fortan ein exzellentes Team geformt“, so Troger.

LIGA-OBMANN MIT MEISTERTELLER IN GRAZ

Das Fernduell um den Titel gab es am 20. Juni 1981: Sturm bereitete sich beim Heimspiel vor 22.000 Zuschauern im überfüllten Liebenauer Stadion gegen Rapid (damals nur Dritter, brauchte aber einen Punkt für die Europacup-Qualifikation) insgeheim schon auf die Meisterfeier vor, die Austria empfing den GAK. „Ein Festzug durch die Stadt war bereits organisiert, der Meistersekt quasi schon kaltgestellt“, erinnert sich Troger. Auch Liga-Obmann Hans Reitinger war offensichtlich fix davon ausgegangen, dass Sturm Meister wird und hatte daher die Reise nach Graz mit dem Meisterteller angetreten.

Doch es kam alles ganz anders. Die Grazer Fangemeinschaft versank nach den 90 Minuten in einem Tränenmeer. Rapid spielte die nervösen Grazer 4:1 aus, während die Austria ihrerseits in Dornbach den GAK 6:1 besiegte und so unverhofft den vierten Meisterschaftsgewinn in Serie und den 15. insgesamt bejubeln durfte. „Wir waren nach dem Spiel alle wie gelähmt, das Entsetzen war groß. Sturm ist gegen Rapid ins offene Messer gelaufen“, so Troger. Schwacher Trost: Jurtin wurde mit 19 Treffen Schützenkönig der Liga, vier Tore mehr als Hans Krankl.

Das Meisterschaftsfinale 1980/81 im Video:

„BODENSTÄNDIGER, OFFENER UND HERZLICHER TYP“

Nicht weniger als 117 Tore in 378 Bundesliga- Spielen erzielte Jurtin für Sturm. Damit war er der erste Sturm-Spieler, der die Marke von 100 Bundesliga-Toren übertraf. Erst Ivica Vastic (125 Tore) konnte ihn in dieser Statistik übertrumpfen. Doch nicht nur dies macht ihn zum vielleicht legendärsten Flügelspieler, der je für den schwarz-weißen Traditionsklub aus Graz aufgelaufen ist. „Er war ein bodenständiger, offener und herzlicher Typ. Einer zum Angreifen“, sagt Troger. Das Fanportal „Sturm12.at“ kürte Jurtin unlängst zum viertwichtigsten Spieler der Sturm-Geschichte.

Seine Karriere begann der Blondschopf beim WSV Judenburg. Bereits mit 18 zog es ihn im Sommer 1974 in die große Fußballwelt hinaus – zum SK Sturm. Auch Wacker Innsbruck hatte zu diesem Zeitpunkt ein Auge auf den jungen Flügelflitzer geworfen, aber die Argumente vom damaligen Sturm- Präsidenten Hans Gert und Trainer Karl Schlechta waren stärker. So übersiedelte Jurtin nach Graz, wo er bis zu seinem Karriereende im Sommer 1987 blieb. Troger erinnert sich an die Anfangszeit zurück: „Damals war die finanzielle Situation des Vereins nicht so rosig. So machte man aus der Not eine Tugend und setzte auf junge Spieler aus der Steiermark.“ Neben Jurtin kam auch ein gewisser Heribert Weber aus Pöls zum SK Sturm. Mit Anton Pichler, Rudolf Schauss, Walter Saria oder Hubert Kulmer leiteten sie eine neue Ära bei den Grazern ein.

Die Zuschauer pilgerten förmlich zu den Heimspielen (bis 1982 ins Liebenauer-Stadion, dann in die legendäre „Gruabn“). „Damals gab es noch die Legionärsbeschränkung und alle Spieler gingen einem Beruf nach. Jurtin machte eine Lehre bei Reifen Gert, der Firma von Hans Gert“, verrät Troger. Was aber zeichnete den Stürmer Jurtin auf dem Platz aus? „Er war schnell und hatte einen außergewöhnlichen Torinstinkt“, verrät Troger. Jurtin, der stets die Nummer elf trug, schlug auf Anhieb ein und avancierte schnell zum Stammspieler. Gleich in seiner ersten Saison schrammte er knapp an einem Titel vorbei: Im ÖFB-Cupfinale zog man gegen Innsbruck den Kürzeren.

AUF DEN SCHULTERN DER FANS VOM SPIELFELD GETRAGEN

Vor allem zwei legendäre Auftritte Jurtins sind Troger bis heute in Erinnerung geblieben. „Im Frühjahr 1981 erzielte er beim 7:0-Kantersieg daheim über den Sportclub gleich fünf Tore. Nach dem Spiel wurde er von den Fans auf den Schultern vom Platz getragen. Solche Bilder vergisst man nie.“ Genauso wenig wie Jurtins Hammer-Tor aus 30-Metern im Herbst 1983 beim UEFA-Cup-Auswärtsspiel bei Hellas Verona (Endstand 2:2), das am Ende den Aufstieg in die 3. Runde bedeuten sollte.

Insgesamt gelangen dem 1,80-Meter-Stürmer in 22 Europacup-Einsätzen sieben Tore, zwei Mal erreichte er mit den Grazern das UEFA-Cup-Viertelfinale. Vor allem das Duo Jurtin-Bakota lehrte in den 80er-Jahren so mancher Abwehr das Fürchten. „Dazu noch die Pässe von Mittelfeldturbo Zvonko Breber, von denen Jurtin und Bakota gleichermaßen profitieren“, schwärmt Troger.

LUKRATIVES ANGEBOT AUS EINDHOVEN

Trotz seiner Popularität und seiner starken Leistungen hielt Jurtin Sturm stets die Treue. Ein Vereinswechsel kam nie in Frage, obwohl es durchaus immer wieder lukrative Angebote gegeben hatte. „Anfang der 80er-Jahre klopfte Eindhoven an. Doch Jurtin wollte aus privaten Gründen in Graz bleiben“, so Troger. Jurtin schaffte auch den Sprung ins Nationalteam. Er trug insgesamt 12 Mal das Teamleiberl. „Und das in einer Zeit, die von vielen im Ausland beschäftigten Star-Stürmern wie Walter Schachner geprägt war“, gibt Troger zu bedenken. 1982 gehörte Jurtin dem Teamkader an, als Österreich bei der Weltmeisterschaft in Spanien den achten Platz belegte. Sein einziges Tor im ÖFB-Team gelang ihm im WM-Qualifikationsspiel 1981 beim 5:1-Heimsieg über Finnland. 1987 beendete der Ausnahmespieler seine lange und erfolgreiche Karriere.

Am 5. Dezember 2006 starb Jurtin im Alter von nur 51 Jahren an Nierenkrebs. Bis zu seinem Tod war Jurtin, der nach der Karriere privat nach Altenmarkt im Pongau übersiedelte und dort eine Autozubehörfirma übernahm, mit dem SK Sturm tief verbunden. So war er stets gern gesehener Gast bei Altherren-Matches. „Er hat eine äußerst erfolgreiche Sturm-Ära geprägt. Die Fans haben ihn geliebt und er ist auch für die heutige Jugend noch immer ein großes Idol. Er wird auf alle Fälle immer einen Fixplatz in unseren Herzen haben“, so Troger.

 

Dieser Artikel ist in der 80er-Jahre-Spezialausgabe des Bundesliga-Journals erschienen – erhältlich ab sofort im Zeitschriftenhandel und im Abo unter bundesliga.at/journal-abo

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